TOSKANA
2 Reiseberichte

1. TOSCANA 1996 (Florenz und Umgebung)

Samstag, 17. August 1996. Es ist 2 Uhr nachts. Der Wecker klingelt. Widerlich...aber halt, wir wollen doch früh aufbrechen! Verschlafen, aber nun schon in "Urlaubslosfahrstimmung" wird eine kurze Morgentoillette gemacht und das Auto beladen. Um 2.45 Uhr (was für eine Uhrzeit!) geht es wirklich ab in den hoffentlich warmen Süden. Als wir die Region Gardasee erreichen wird Otto ziemlich müde, so dass Rosmarie das Steuer übernimmt. Otto schläft prompt ein, Eva-Maria sowieso noch - die arme Rosmarie! Erst im "Einer muss immer sein"-Stau auf der Strecke zwischen Bologna und Modena kommt, ganz im Gegensatz zum Straßenverkehr, ein gewisses Leben im Auto auf. Wir liegen hervorragend im Zeitplan! Otto löst Rosmarie beim Fahren wieder ab (schließlich muss der Familienvorstand doch das Urlaubsziel ansteuern!). Schon um 11 Uhr erreichen wir unser Feriendomizil, das Landgut BORGO DE` RICCI in Monte Oriolo, am südlichen Stadtrand von Florenz. Erschöpft stellen wir das Auto vor dem großen schmiedeeisernen Eingangstor ab und läuten. Unsere Hausherrin spricht ausschließlich italienisch. Trotzdem verstehen wir langsam, dass wir unsere Wohnung jetzt noch nicht beziehen können, sondern erst ab 16 Uhr. Während die Temperatur deutlich über 30° angestiegen ist, sinkt unsere Stimmung auf den Nullpunkt. Es ist die Zeit der Siesta: das heißt, alle Geschäfte haben geschlossen, die Restaurants und Bars sind zu. Wir sind müde. Nach einigem Suchen finden wir wenigstens einen Parkplatz im nahe gelegenen Pozzolatico unter Bäumen, wo wir der größten Mittagshitze entgehen. Wir dösen im Auto, essen den Rest der mitgebrachten Brotzeit und warten.....


Gegen 15 Uhr sind wir gut durch-gekocht. Wir sind in der Stimmung, unsere Ferien-"Festung" einzunehmen und zu besetzen. Widerstandslos erhalten wir aber diesmal unsere Schlüssel. Bevor wir überhaupt ans Auspacken denken, wollen wir gemeinsam nur noch das Eine: Erfrischung im Swimmingpool! Erst danach beginnen wir, unser neues Zuhause zu entdecken und einzurichten. Das Landgut Lanciola und die Appartements sind toll. Es gilt noch abends, vor Sonntag, die nötigsten Lebensmittel einzukaufen. Unsere langjährige Urlaubserfahrung hilft uns, bereits nach mehrstündiger Suche ein winziges Geschäft in Impruneta zu finden. Wir haben ein attraktives Dach über dem Kopf, zu Essen und zu Trinken und blicken frohgemut auf den kommenden Urlaub.


Der folgende Sonntag zeigt sich in grandiosem "Wie-kriege-ich-am-schnellsten-Sonnenbrand"-Wetter. Nach der ermüdenden Anreise ist heute stressfreies Baden angesagt. Erst am späten Nachmittag wagen wir uns in die Hitze der Häuserschluchten von Florenz. In der Nähe der Porta Romana parken wir unser Auto und betreten kulturträchtigen Boden - Florenz.


Ein angenehmer Sonntag und eine erlebnisreiche Nacht liegen hinter uns: Eine große Stechmückenfamilie macht mit uns Urlaub! Der italienische Tierschutzbund hat die Wände unserer Wohnung in einer "Stechmückentarnfarbe" gestrichen um eine Ausrottung der Tierart durch uns zu verhindern. Darüber hinaus genossen wir ein grandioses nächtliches Reifenkonzert von der nahe gelegenen Autobahn, untermalt von einem melodischen Quietschen des schmiedeeisernen Einfahrt-Tores. Vormittags, es ist bereits wieder sehr heiß, kühlen wir uns und unsere Mückenstiche beim Schwimmen. Die kulturhungrigen Eltern wollen nachmittags das Kartäuserkloster Certosa di Galluzzo besichtigen. Da es jedoch montags geschlossen ist, kehren wir zur badehungrigen Tochter zurück.


Am Dienstag gibt es zum Frühstück endlich frische Panini - wir haben in der Zwischenzeit nämlich erfahren, dass es im nahe gelegenen Galluzzo einen Supermarkt gibt. Wegen der anhaltenden Hitze beschränken sich unsere Aktivitäten auf Schwimmen. Doch heute Abend werden wir uns an der Klosterpforte nicht wieder abweisen lassen. Gegen 17 Uhr nehmen wir an einer interessanten Führung durch das alte Gemäuer teil, das noch eine ganze Reihe von Mönchen beherbergt. Leider sind alle Erläuterungen in Italienisch - wir beschränken uns also aufs Schauen. Danach wollen wir Florenz mal aus einer anderen Perspektive ein wenig näher kennenlernen. Wir fahren zur Piazzale Michelangelo und genießen neben Kaffee und Eis einen überwältigenden Ausblick über die Stadt. Ein kurzer Anstieg führt uns zur Kirche San Miniato al Monte, deren Fassade leider gerade renoviert wird. Im Inneren beeindrucken uns dennoch die Marmor-Intarsien von Fußboden und Wänden, sowie das Deckengemälde in der Kuppel mit den 4 Evangelisten. Die Hitze hat jetzt am Abend ein klein wenig nachgelassen, so dass wir beschließen, das Auto auf dem Parkplatz stehen zu lassen und zu Fuß in die Stadt zu wandern. Über den Ponte Vecchio gehen wir zum Palazzo Vecchio. Wir sind begeistert von dem pulsierenden Leben in der Stadt, lassen uns mittreiben, kaufen Ansichtskarten und genießen den Abend.


Heute, es ist Mittwoch, der 21.08., stehen wir bereits um 8 Uhr auf. Wir wollen die Textilstadt Prato kennenlernen. Ein Parkplatz vor der Stadtmauer ist schnell gefunden, weniger leicht der Dom mit der außergewöhnlichen außenliegenden Kanzel. Von hier wird den Gläubigen mehrmals im Jahr der Gürtel der Heiligen Maria gezeigt, den diese dem Apostel Thomas überlassen haben soll. Wir laufen kreuz und quer durch die Altstadt, bis wir am Ziel sind. Die Hauptfassade ist leider nicht so beeindruckend wie das Innere der romanischen Kirche.


Die 2. Etappe dieses Tages führt uns nach Poggio a Caiano. Hier steht eine monumentale Medici-Villa mit einem großen Park. Leider gefällt uns die angegriffene Bausubstanz nicht so sehr. Auch der Park ist, nicht zuletzt wegen der großen Hitze des Tages, wenig beeindruckend. Wir kaufen eine Kleinigkeit zu Essen und zu Trinken ein und ziehen nach einer kurzen Rast weiter nach Vinci, dem Geburtsort des berühmten Leonardo da Vinci. Eigentlich ist er ja im nahe gelegenen Anchiano geboren, wo wir sein Geburtshaus besichtigen. Wir kehren nach Vinci zurück und bestaunen hier im Schloss des Grafen Guido in einem Museum eine Ausstellung von Konstruktionszeichnungen des Genies, die mit funktionstüchtigen Modellen und vor allem deutscher Erklärung komplettiert werden.


Müde von der Hitze des Tages fahren wir zu unserer Wohnung zurück, um uns im Pool noch ein wenig zu erfrischen. Eva-Maria schwimmt übrigens einen neuen Streckenrekord mit 1,5 km! Das Abendessen aus Spaghetti alla Panna mit grünem Salat und Chianti runden einen anstrengenden, aber erlebnisreichen Tag ab.


Es ist Donnerstag, der 22. August. Eine fürchterliche Nacht ist zu Ende: stundenlang kämpften wir vergeblich mit Stechmücken. Darüber hinaus erzeugte irgendeine Maschine, vielleicht eine motorbetriebene Wasserpumpe, einen Höllenlärm. Selbst die Sonne ist frustriert und hat sich hinter einer dichten Wolkendecke zurückgezogen. Wir verbringen den Vormittag nach einem späten Frühstück mit Lesen. Obwohl das Wetter nicht dazu einlädt, brechen wir mittags zu einer Stippvisite nach Florenz auf. Die erste Station sind heute die Boboli-Gärten, ein riesiger Park mit vielen Wegen, Brunnen und Statuen. Es beginnt sogar leicht zu regnen. Trotzdem suchen wir intensiv nach der berühmten Bacchino-Statue. Als wir bereits aufgegeben haben und dem Ausgang beim Palazzo Pitti zustreben, entdecken wir sie eben dort. Rosmaries Schuhe drücken und sie hat bereits Blasen an den Füßen. Dennoch marschiert sie tapfer weiter zu unserem nächsten Ziel, dem Duomo Santa Maria del Fiori. Dort angekommen stärken wir uns zuerst in einem kleinen Cafe mit 2 Capuccino, 1 Cola und 1 Eisdrink für preiswerte 35.000 Lire (ca. 18 Euro!). Wir reihen uns in die Warteschlange vor dem Eingang des Battisterio San Giovanni. Das achteckige Bauwerk ist Johannes dem Täufer, dem Schutzpatron der Stadt geweiht. Berühmt sind die drei Bronzeportale. Die mosaikausgekleidete Kuppel und der Marmorfußboden sind beeindruckend. Aber jetzt geht es weiter in den Dom. Als erstes wollen wir, wir sind ja frisch gestärkt, die 463 Stufen hinauf in die Kuppel steigen. Schon wieder müssen wir anstehen. Aber die halbe Stunde Wartezeit kann uns nicht entmutigen. Am unteren Rand der Kuppel innen angekommen, bestaunen wir das imposante Deckengemälde und den schwindelerregenden Blick nach unten in das Gotteshaus. Doch jetzt beginnt erst der schweißtreibende Aufstieg über enge Wendeltreppen hoch in die Laterne über der Kuppel. Die Mühe wird belohnt mit einem tollen Rundblick über die ganze Stadt. Der Weg nach unten ist derselbe wie nach oben. Das führt auf den engen Stiegen zu intensivem Kontakt mit dem "Gegenverkehr". Da der Dom nun geschlossen wird, beenden auch wir einen ereignisreichen Nachmittag.


Es ist Freitagmorgen, der erste Blick aus dem Fenster registriert einen immer noch wolkenverhangenen Himmel! Soll das Wetter den Rest des Urlaubs so bleiben? Eva-Maria geht nach dem Frühstück trotzdem an den Pool, Rosmarie folgt ihr kurz darauf - und die Sonne sieht zu!!! Bereits wenig später ist wieder heiß wie in den Tagen davor. Wir legen einen Badetag mit Pool und viel Sonne ein und beschließen ihn mit einem Abendessen in einem kleinen Restaurant in Impruneta.


Am nächsten Morgen, es ist Samstag, der 24. August und damit leider schon die erste Urlaubswoche vergangen, erledigen wir unseren Wochenendeinkauf bereits vor dem Frühstück. Es ist wieder sehr heiß. Deshalb gehen wir zur Abwechslung mal ausnahmsweise schwimmen. Aber mittags, während der Siesta wollen wir noch den Dom von Florenz innen besichtigen, was wir bildungshungrigen am letzten Donnerstag nicht mehr geschafft hatten. Das Kirchenschiff ist zwar gewaltig groß, in seiner Nüchternheit aber, ganz im Gegensatz zur prunkvollen Fassade, eher enttäuschend schmucklos. Interessanter finden wir die Ausgrabungen und damit verbundene Ausstellung unter dem Duomo. Hier ist auch die Mittagshitze gut zu ertragen. Auf dem Rückweg genehmigen wir uns ein leckeres Eis, staunen über die Menschenmassen in der Stadt und freuen uns schon wieder auf die Abkühlung im Pool. 4 Appartements wurden heute Morgen geräumt, wir sind gespannt, wer neu einziehen wird. Leider sind bis zum Abend keine nennenswerten Neuzugänge zu verzeichnen. Wir lassen den Tag gemütlich im Garten mit Lesen bei Chianti ausklingen.


Sonntag, 25. August 1996: "An diesem Tage sollst Du ruhen!" - wir nehmen uns das zu Herzen und verbringen ihn komplett am Swimming-Pool. Eva-Maria hat in den Sträuchern einen kleinen Ball gefunden - Wasserball kommt ganz groß raus! Abends gehen wir wieder in Impruneta essen, was diesmal eher ein Reinfall ist.


Am nächsten Morgen gehört uns der Pool ganz alleine. Doch wir wollen wieder aktiv Neues entdecken. Deshalb fahren wir nach einem Mittagsimbiss aus Spiegeleiern mit gebratenem Speck und frischen Tomaten wieder nach Florenz. Unser Ziel ist die Basilika Santa Croce mit ihrer imposanten Marmor-Fassade. Im Inneren befinden sich die Grabmale vieler berühmter Persönlichkeiten: unter anderem von Michelangelo, Galilei, Machiavelli, oder Rossini. Die Fresken an den Wänden sind eindrucksvoll, nicht minder die riesige Sakristei. Nebenan besichtigen wir eine Lederschule, in der man bei der Herstellung von Lederwaren zusehen kann, die auch zum Verkauf angeboten werden. Rosmarie kann sich nicht entschließen, doch an einen Verkaufsstand vor der Basilika wird zugeschlagen - eine schicke Handtasche und ein Gürtel für Otto wechseln die Besitzer. Auf dem Heimweg ist es drückend schwül, und wir freuen uns schon auf den erfrischenden Pool.


Auf den heutigen Tag, Dienstag, den 27. August, hat sich Eva-Maria schon seit Wochen gefreut: wir haben uns mit unserer letztjährigen Urlaubsbekanntschaft, der Familie Banz aus Nürnberg, in Lucca verabredet. Gerade noch rechtzeitig treffen wir um 11 Uhr am Duomo ein. Die Wiedersehensfreude ist groß und Eva-Maria erhält von Bettina ein Vorab- Geburtstagsgeschenk, einen mit Süßigkeiten gefüllten Mini-Rucksack. Im Dom verklingen gerade die letzten Töne eines Orgelkonzertes. Es ist sehr dunkel. Die Fresken im Deckengewölbe kann man kaum erkennen. Das Sonnenlicht, das durch die wenigen bleiverglasten Fenster fällt, malt pittoreske Farbspiele an die Wände. Die Kirche beherbergt eines der berühmtesten Kruzifixe der Christenheit, den hölzernen Volto Santo. Ein kurzer Stadtbummel führt uns durch malerische Gassen zur Piazza del´ Anfiteatro. In einem der kleinen Restaurants am Rand des Platzes stärken wir uns, um danach gemeinsam zum Appartement der Familie Banz zu fahren. Wir besichtigen die großzügige Ferienanlage. Otto wird von Stephan Banz beim anschließenden Tischtennismatch deklassiert. Die Kinder gehen jetzt schwimmen, während die Eltern bei Kaffee und Gebäck plaudern. Das gemeinsame reichhaltige Abendessen mit Schinken, Käse und Obst beschließt einen angenehmen Urlaubstag.


In der Nacht tobt ein Gewitter mit starken Regenfällen. Das elektrisch betriebene Einfahrttor funktioniert wohl auch deswegen am Morgen nicht mehr. Wolken ziehen auf und verbergen immer wieder die Sonne. Trotzdem wollen wir heute kein Programm machen und beschließen, am Pool zu bleiben. Bereits mittags ist wieder hochsommerlich heiß. Abends steht unerwartet Familie Wiehle mit ihrem Wohnmobil in unserer Einfahrt. Das gibt ein großes Hallo! Nach dem Abendessen brechen wir zu einem gemeinsamen Stadtbummel nach Florenz auf. Die Fahrzeuge werden auf der Piazzale Michelangelo abgestellt. Unser Rundgang führt uns über Ponte Vecchio, Palazzo Vecchio, Duomo zum Palazzo degli Uffizi, den berühmten Uffizien. Wir genießen das nächtliche Treiben in der Stadt. Wieder zurück auf dem Parkplatz bestaunen wir das Lichtermeer zu unseren Füßen. Im Garten bei unserem Appartement sitzen wir bei Chianti gemeinsam bis nach Mitternacht.


Am Morgen holt Otto Panini für uns und Wiehles, die mit ihrem Wohnmobil in einer Seitenstraße in Pozzolatico, direkt über der Autobahn, stehen. Andreas geht mit uns schwimmen, während seine Familie noch einmal Florenz erkunden will. Nachmittags trinken wir gemeinsam Kaffee, auch Toni, Günther und die Kinder erfrischen sich im Pool und fahren dann weiter in Richtung Montecatini. Wir sitzen abends ein wenig wehmütig im Garten, unser Urlaub ist morgen zu Ende!


Es ist Freitag, der 30. August 1996, und wieder heiß. Unser Abschlussprogramm lautet: vormittags Sonne und Wasser, Mittagessen und Packen, nachmittags Sonne und Wasser. Am Abend, gegen 18 Uhr, nehmen wir endgültig Abschied und fahren in die Nacht hinein wieder nach Hause.


2. TOSKANA 1997 (Pescia und Umgebung)

Dieses Jahr haben wir alles bestens geplant: nicht mehr zu früh ankommen und vor allem den Stau zwischen Modena und Bologna umfahren! Hinter Verona werden wir in Richtung Mailand abbiegen und an der Riviera entlang gegen Süden unserem Urlaubsziel, der Blumenstadt Pescia, zustreben. Am Samstag, dem 30.08.97 brechen wir um 5 Uhr morgens von zu Hause auf. An der österreichischen Grenze in Scharnitz kaufen wir unser Transit-"Pickerl". Von jetzt an fährt Rosmarie. Kurz danach sind wir über dem Brenner und damit in Italien. Was aber nützt die beste Reiseplanung, wenn immer wieder unachtsame übermüdete Autofahrer Unfälle verursachen. Zwischen Brixen und Verona kommt es deswegen laufend zu zähfließendem Verkehr. Die neue Route ab Verona hingegen bewährt sich sehr. Deutsche Kennzeichen werden immer seltener, wir kommen gut voran. Besonders durch den ligurischen Apennin ist die Fahrt landschaftlich sehr reizvoll. Gegen 14 Uhr ist es geschafft! Wir erreichen unser Urlaubsdomizil, die Azienda Agricola Marzalla am Stadtrand von Pescia. Erwartungsvoll klingeln wir am verschlossenen schmiedeeisernen Einfahrtstor. Die Tochter des Hauses führt uns, vorbei am leider recht kleinen Swimmingpool, zu unserem abgelegenem Appartement. Der Anblick ist enttäuschend: wenig stilvoll, außen eher schäbig, liegt das Haus, das wir über einen laubenbedachten Steg betreten, vor uns. Hinter der Haustüre beginnt die positive Überraschung: die Wohnküche ist sehr geräumig, nett eingerichtet und sogar mit Spül- und Waschmaschine ausgestattet. Die beiden Schlafzimmer sind hübsch möbliert, die Betten machen einen überaus guten Eindruck und als Krönung gehört zu jedem Schlafzimmer ein gepflegtes separates Bad mit Dusche und WC. Nach dem Auspacken besorgen wir im nahe gelegenen Esselunga-Supermarkt die nötigen Lebensmittel und Getränke für das Wochenende. Jetzt aber ab in den Swimmingpool! Wegen des kräftigen Windes verspürt man die stechende Sonne (noch!) nicht. Eva-Maria findet auch gleich eine Freundin: Sarah ist 13 und kommt aus der Nähe von Heidelberg. Nach einem gemütlichen Abendessen aus toskanischer Wurst, Käse, Schinken und Rotwein beschließen wir, bei unseren Bekannten, der Familie Banz aus Nürnberg, die ganz in der Nähe in S. Gemma seit einer Woche ihren Urlaub verbringen, noch kurz vorbeizufahren. Gemütlich sitzen wir beisammen und tauschen Erfahrungen und Erlebnisse aus. Gegen 22 Uhr werden wir aber doch recht müde und kehren in unsere Azienda zurück.


Der nächste Sonntagmorgen, wir haben lange und gut geschlafen, erfreut uns mit wolkenlosem Himmel. Darüber hinaus ist es windstill. Während des Frühstücks beschließt der hohe Familienrat das Tagesprogramm: Bis gegen 14 Uhr bleiben wir am Pool. Nach einer kleinen Stärkung aus Salat, Käse und Schinken und natürlich etwas Rotwein besuchen wir Lucca. Wir flanieren auf der bis zu 30 m breiten und 12 m hohen Stadtmauer im Schatten der Alleebäume. Wir gehen vorbei am Duomo San Martino, dessen Campanile sich mächtig gegen den Himmel erhebt. Das Kirchenschiff ist wegen Restaurierungsarbeiten leider eingerüstet. Auf der südlichen Seite der wehrhaften Mauer, sie wurde übrigens nach ihrer Errichtung niemals gestürmt, dort wo die Bäume nicht mehr so dicht stehen, flüchten wir vor der Hitze in den Schatten der Häuserschluchten der Stadt. Als das Wahrzeichen von Lucca gilt der Backsteinturm Torre Guinigi mit den 3 lebenden Steineichen auf seinem Haupt. Imposant ragt er in den Himmel. Wir steigen die 230 Stufen hinauf und genießen den herrlichen Blick über die Dächer der malerischen Stadt.


Der folgende Montag beginnt wie der vergangene Sonntag. Nach Schwimmen, Lesen, sowie der obligatorischen mittäglichen Siesta steht heute der Kurort Montecatini Terme auf unserem Plan. Fasziniert bummeln wir vorbei an Blumenmeeren durch die Parkanlagen des gepflegten Kurorts. Unser eigentliches Ziel aber ist Montecatini Alto mit seiner Kirche, den malerischen Gassen und einladenden Straßencafes. Mit der Funicolare, der roten Kabinenbahn, an Stahlseilen gezogen, fahren wir die bis zu 38%ige Steigung hinauf, bzw. wieder zurück. Den gemütlichen Tag beschließen wir mit einem lukkulischen toskanischen Abendessen im Restaurant Il Poderino, das zu unserer Anlage gehört.


Dienstag, 2. September. Heute hat Stefan Banz Geburtstag. Miteinander fahren wir nach Lido di Camaiore ans Meer und verbringen dort einen gemütlichen Tag am Strand. Zum Abendessen bei uns besorgen wir auf dem Rückweg frischen Käse, Schinken, Gemüse, Brot und Obst. Familie Banz steuert den Wein bei. Gemeinsam schmeckt´s halt doch am besten und in der großen Runde fühlen sich alle sehr wohl, so dass sich der Abschied bis Mitternacht hinzieht.


Am Morgen des nächsten Tages stehen wir spät auf. Wir haben keine Aktivitäten geplant und wollen den Tag mit Lesen, Schwimmen und Ruhen verbummeln. Es ist drückend schwül. Am Nachmittag fahren Eva-Maria und Otto nach Pescia, um Ansichtskarten zu kaufen. Die meisten Geschäfte haben jedoch leider geschlossen. Ein Gewitter zieht auf und einige Regentropfen fallen. Dadurch wird die Luft angenehm frisch. In der Wohnung ist es dagegen noch schwüler. Vom nahe gelegenen Monte a Pescia genießen wir noch die abendliche Aussicht auf die Stadt.


Heute, Donnerstag, der 4. September, soll ein "märchenhafter" Tag werden. Gleich nach dem Frühstück brechen wir auf nach Collodi. Wir besuchen dort den Parco di Pinocchio mit den Bronzeplastiken der Figuren von Meister Gepetto, seinem Kind Pinocchio und dessen Weggefährten. An den gottlob schattigen Pinocchio-Park schließt sich eine Rundfahrt über die bewaldeten Hügel der Carfagna. Über schmale, manchmal nahezu unwegsame Passstraßen fahren wir immer höher hinauf. Inmitten der toskanischen Hitze entdecken wir hoch in den Bergen zufällig ein Ski-Langlauf-Zentrum! Unsere Rundfahrt führt uns über Lucca wieder zurück in unsere Azienda. Zuhause angekommen relaxen wir noch am Pool und freuen uns schon auf das gemeinsame Abendessen mit Familie Banz in unserem Restaurant Il Poderino.


Den nächsten Tag, Freitag, den 5. September, verbringen wir wieder mit Lesen und Schwimmen unter der südlichen Sonne. Am späten Nachmittag wagen wir uns ein weiteres mal in die Hitze der Altstadt von Lucca. Heute wandern wir auf dem nordwestlichen Teil der Stadtmauer. Wir besuchen die Kirche San Frediano. Sie ist außergewöhnlich groß, innen sehr schmucklos und dadurch sogar überaus attraktiv. In einer seitlichen Kapelle finden wir den gläsernen Sarkophag der hl. Zita, der Stadtpatronin. Unser Weg führt uns weiter durch die belebten Gassen, vorbei an exklusiven kleinen Geschäften, zum Anfiteatro, wo wir uns in einem der Cafes ein wenig stärken. Auf dem Nachhauseweg machen wir noch bei Familie Banz in S. Gemma halt, um uns von Ihnen zu verabschieden. Sie brechen morgen mit einer viertägigen Unterbrechung in Südtirol nach Hause auf.


Samstag, 6. September: Eva-Maria feiert heute Geburtstag. Bereits vor dem Frühstück bläst sie die 15 Kerzen auf ihrem Kuchen aus und freut sich über einen kleinen Blumengruß. Am Abend haben wir natürlich wieder einen Tisch in unserem Restaurant Il Poderino reserviert. Als besondere Überraschung ist der letzte Gang des üppigen Menüs heute ein ganzer frischer Apfelkuchen, mit 15 brennenden Kerzen. Die übrigen Gäste im Lokal freuen sich mit Eva-Maria und spenden ihr spontanen Applaus.


Nach der Empfehlung der Reiseführer und diverser Toskana-Kundiger sollte man einen Ausflug in die Marmor-Steinbrüche von Carrara unbedingt am Wochenende machen. Heute, am Sonntag, nehmen wir uns hierfür die Zeit. Wo werktags riesige Bohrer, Steinsägen, Bulldozer und Lkws den touristischen Zutritt verbieten, können wir heute unbehindert den zerstörerischen Eingriff des Menschen in eine monumentale Natur betrachten. In gigantischen Scheiben werden ganze Berge abgetragen. Die gewaltigen Abraumhalden sind sichtbarer Beweis: nur das beste Material findet Verwendung. Doch wie schon Michelangelo, der genau in diesem Steinbruch das Material für seinen weltberühmten David fand, können auch wir uns der Schönheit des weißen Kalkgesteins nicht entziehen. In einem der vielen Läden erstehen wir mehrere Souvenirs. Den feinen weißen Staub auf unserem Körper waschen wir zuhause im Pool wieder ab.


Vom Montag, dem 8. September, und dem folgenden Dienstag gibt es nicht viel zu berichten. Es ist extrem heiß. Rosmarie hat sich leider einen leichten Sonnenstich oder eine Sommergrippe zugezogen. Aus diesem Grund finden keine besonderen Aktivitäten statt. Aber am Mittwoch, Rosmarie sieht noch immer recht elend aus, sind ihr Wissensdurst und ihre Neugier stärker als alle Krankheiten. Also gehen wir wieder auf Erkundungsfahrt.


Unser erstes Ziel ist die Brücke Ponte della Maddalena, auch Teufelsbrücke genannt, die sich mächtig über den Serchio spannt. Mit ihrem Bau soll bereits im Jahre 1101 begonnen worden sein.


Das zweite große Etappenziel ist die Grotta del Vento, die Windhöhle. Ein enger, kurvenreicher Pass führt uns hoch hinauf in die Apuanischen Alpen. Am Ziel angekommen, müssen wir leider erfahren, dass die nächste Führung erst in mehr als 1 Stunde beginnt. Nach der unfreiwilligen Siesta aber bestaunen wir die gewaltigen Tropfsteinformationen in 10,7º kalter Luft. Vorsorglich haben wir unsere Shorts gegen lange Hosen getauscht und Pullover übergezogen. Von unserer sachkundigen deutschsprachigen Führerin hören wir über die Entdeckung der Höhle, ihre bisherige Erforschung und werden eingeführt in die Grundlagen der Tropfsteinbildung. Der Teil, den wir begehen, entstand durch die Erosionskraft eines früheren unterirdischen Flusses. Vorbei an einem Siphon, der in Zeiten von großem Wassereinbruch völlig gefüllt sein soll, dringen wir immer tiefer ein in eine Zauberwelt von vielfarbigen Stalagtiten, weiß-gelb geäderten Sinterkaskaden und spitzen Stalagmiten. Wir kommen vorbei an kristallklaren kleinen Seen und sehen riesige Kamine, geschaffen von früheren Wasserfällen, die in winzigen Luftspalten an der Erdoberfläche enden. Von ihnen rührt auch die stete Luftzirkulation im Inneren der bisher erforschten ca. 4.500 m des Höhlensystems, die der Grotta ihren Namen gab.


Heute, Donnerstag, der 11. September, steht am späten Nachmittag noch ein Besuch der Stadt Pisa an. Erst gegen 17 Uhr fahren wir wegen der großen Hitze los. Nach knapp 1 Stunde sind wir am Ziel. Zuerst besichtigen wir das Baptisterium und besteigen dessen Kuppel, die uns einen schönen Blick auf das Innere, wie auch den gegenüberliegenden Dom gewährt. Auf dem Rückweg am späten Abend biegen wir kurz vor Pescia ab in den malerischen Weinort Montecarlo. Wir bummeln durch die Gassen und essen in einer kleinen Pizzeria.


Freitag, der 12. September 1997. Der toskanische Himmel weint wegen unserer Abreise, die wir für den Abend gegen 18 Uhr geplant haben. Die Sonne versteckt sich, während wir ein letztes mal am Pool relaxen, immer wieder hinter dichten Wolken. Gegen Mittag beginnt es leicht zu regnen und wir beschließen, sofort zu packen und abzureisen. Um 16 Uhr sagen wir einer bezaubernden Region endgültig ciao.

© copyright Otto Kinateder