Mit dem Wort Azoren verbinde ich Wetterbericht: "...ein stabiles Hoch über den Azoren bestimmt für die nächsten Tage unser Wetter in Deutschland...". Aber wo um alles in der Welt sind diese Azoren? Internet sei Dank nachstehend die präzise Antwort:
Die Azoren (portugiesisch: Ilhas dos Açores, zu deutsch: Habichtsinseln) sind eine Gruppe von neun größeren und mehreren kleineren portugiesischen Atlantikinseln, die 1.369 km westlich vom europäischen Festland entfernt liegen. Die kürzeste Entfernung zum nordamerikanischen Festland beträgt 2.802 km.
Die Azoren sind Teil des Mittelatlantischen Rückens und liegen auf der Plattengrenze zwischen der Europäischen Platte und der Afrikanischen Platte. Die westlichsten Inseln Flores und Corvo gehören geologisch bereits zur Nordamerikanischen Kontinentalplatte. Die neun großen Inseln, von denen acht vulkanischen Ursprungs sind, teilt man in drei Gruppen auf: »Grupo Ocidental« (Corvo und Flores), »Grupo Central« (Faial, Pico, São Jorge, Graciosa und Terceira) und »Grupo Oriental« (Santa Maria, die unbewohnten Formigas und São Miguel).
Unser Ziel war, in 2 Wochen einen möglichst umfassenden Eindruck der verschiedenen Inseln zu gewinnen, andererseits die Reise nicht in übermäßigen Stress ausarten zu lassen. Also beschränkten wir uns auf 4 Inseln, um sie individuell zu bereisen. Dazu buchten wir vorab jeweils ein Hotel, einen Mietwagen und die Transferflüge.


20.07.2011 - Also los!

Der Wecker klingelt um 3:50 Uhr - grausam! Ohne Frühstück brechen wir nach Freising auf, von wo uns Mattias zum Flughafen München bringt. Hier nehmen wir das Spezialangebot: Butterbreze, Orangensaft und Kaffee für 6,50 Euro. Das Boarding beginnt pünktlich, wir warten auf den Start. Nach etwa einer halben Stunde rollen wir zurück ans Gate. Eines der drei Hydrauliksysteme meldet einen Defekt. Ein Techniker kommt an Bord. Nach kurzer Zeit gibt es Entwarnung. Wertvolle Minuten verrinnen, bis die Maschine jetzt wieder einen Abflug-Slot erhält. Mit 1 Stunde Verspätung heben wir endlich Richtung Düsseldorf ab. Wir rechnen damit, dass der Flug AB2954 nach Ponta Delgada ohne uns starten wird. Kurz vor der Landung kommt der erlösende Hinweis, dass der Azoren-Flieger auf uns wartet. Die beiden Gates liegen nahe beieinander - wir sind an Bord! Gilt das auch für unser Gepäck? Nach vier Stunden Flug, ausnahmslos über geschlossener Wolkendecke, landen wir auf São Miguel, der größten Azoren-Insel. Unsere Reisetaschen sind auch da, wegen der späten Verladung kommen sie als erste vom Gepäckband. Das erspart uns eine lange Warteschlange am Schalter der Autovermietung. Der Himmel tut sich auf und die Sonne lacht uns zu. Gegen 15 Uhr erreichen wir erwartungsvoll unser Domizil für die nächsten 5 Tage, das »Convento do São Francisco« in Vila Franca do Campo. Abweisend umschließt das alte Klostergemäuer den schattigen Innenhof. Lange, weiß getünchte Flure werden von mit schwarzem Lavastein umrandeten großen Fenstern erhellt. Ich empfinde eine gewisse klösterliche Strenge. Unser Zimmer ist sehr geräumig, sparsam mit antiken Möbeln ausgestattet und besitzt einen offenen Kamin inklusive dem dazugehörigen Feuerholz. Passend zur klerikalen Schlichtheit riecht es ziemlich modrig. Von unserer eigenen Dachterrasse blicken wir auf den hübsch angelegten Garten mit großem Swimmingpool. Das Ambiente des Convento ist geprägt von interessanten Widersprüchen: die weißen Wände (die an vielen Stellen dringend neue Farbe benötigen) und der dunkle Lavastein um Fenster und Türen - die antike Möblierung und die moderne Sparsamkeit - der trutzige, verschlossene Baukörper und die grüne, blumengeschmückte Gartenoase.


Ein erster kurzer Ausflug führt uns heute noch Richtung Osten. Spontan steuern wir den hoch gelegenen einsamen Turm des »Castello Branco« an. Der Wind dort oben ist heftig, der Turm selbst nicht sehenswert. Aber der weite Blick über die landwirtschaftlich genutzten grünen Hügel, die von unendlichen Hortensienhecken durchzogen sind, ist den kurzen Abstecher allemal wert. Am nahe gelegenen Kratersee Lagoa das Furnas halten wir nur kurz, wandern ein paar Meter hoch zum unspektakulären Aussichtspunkt Lagoa Seca. In Furnas besorgen wir das Nötigste für einen Imbiss, den wir am großen Rastplatz am Ostende des Orts zu uns nehmen. Die Azoreanische Rastplatzkultur werden wir am kommenden Wochenende noch intensiv erleben. Frisch gestärkt fahren wir weiter an die Südküste zu dem kleinen Fischerdorf Ribeira Quente. Die Strecke verläuft kurvenreich im Flusstal, die Straßenränder sind gesäumt von blühenden Hortensienhecken. Ribeira Quente hat traurige Berühmtheit erlangt, als am 31. Oktober 1997 infolge massiver Regenfälle eine Schlamm- und Steinlawine den Ort weitgehend zerstörte. Wenige Tage später verwüsteten meterhohe Wellen eines brausenden Sturms das Wenige, was noch übrig geblieben war. Im verschlafenen Fischerdorf entdecken wir nur am Hafen Leben. Kinder und Jugendliche haben ihren Badespaß im Hafenbecken. Der Campingplatz nebenan (und die weitere Umgebung) werden von gerade angekommenen jungen Menschen musikalisch beschallt. Eine Gruppe von Fischern bemüht sich um einen lautstark tuckernden Dieselmotor, der schwarze Rauchschwaden ausstößt. Wir trinken 2 Espresso für je 50 Cent (!) und werden dabei vom laufenden Motor eines LKW unterhalten, dessen Fahrer ebenfalls Pause macht. Wir haben genug gesehen und gehört und machen uns bei leichtem Nieselregen auf den Rückweg. In Furnas halten wir noch einmal, um uns die Caldeiras anzuschauen. Mitten im kleinen Ort zischt und brodelt, dampft und qualmt es aus dem Erdinneren. Die »Caldeira Grande« speist mit kochend heißem mineralhaltigem Wasser die Badebecken des Kurhauses. Zurück in Vila Franca do Campo besetzen wir auf dem Marktplatz eine Bank. Rund um den Platz tun es uns alte Männer gleich und pflegen dabei ihre Unterhaltung. Da wir kein Restaurant in der Nähe entdecken, besorgen wir im Supermarkt Brot, Wurst, Käse, Gemüse und Rotwein und machen es uns auf unserer Dachterrasse im Convento gemütlich. Mit Blick aufs Meer und die vorgelagerte Ilhéu da Vila lassen wir den Abend gemütlich ausklingen.


Aussichtslos

Im kleinen Frühstücksraum erwartet uns ein üppig gedeckter Frühstückstisch. Außer uns ist niemand anwesend. Die Saftpresse macht einen riesen Radau. Wer noch geschlafen hat, müsste spätestens jetzt wach sein. Aber der frisch gepresste Orangensaft schmeckt köstlich, ebenso wie die verschiedenen selbst gemachten Marmeladen. Dazu gibt es im Überfluss frische zuckersüße Ananas aus eigenem Anbau. Während wir es uns genüsslich tun, machen unsichtbare fleißige Helfer unser Zimmer.
Eine laut Karte landschaftlich reizvolle Strecke neben der Hauptstraße führt uns zu unserem ersten heutigen Tagesziel, dem Lagoa do Fogo. Sie erweist sich als landwirtschaftlich genutzter staubiger Hohlweg. Es geht stetig bergan, vorbei an saftigen grünen Wiesen, durchzogen von üppigen Hortensienhecken. Der böige Wind treibt Wolkenfetzen vor sich her. Je höher wir kommen, umso dichter werden die Wolken und am ersten großen Aussichtspunkt haben wir 10 Meter Sicht! Es ist kalt und wir ziehen die Regenjacken über. Als sich die Straße Richtung Norden bereits wieder talwärts windet, erhaschen wir vom letzten Aussichtspunkt einen Blick auf den Kratersee. Zusammen mit einer Gruppe Österreicher warten wir eine ganze Weile, mal mit Seeblick, mal ohne.
Es gibt noch reichlich Parkplätze am Eingang zur »Caldeira Velha«. Die Geothermie wird hier nicht kommerziell genutzt, wenn man mal von dem Kiosk an der Straße absieht. Die Vegetation ist üppig, baumhohe Riesenfarne und orangeblühende Montbretien säumen den Weg. Am Ende des Pfads stürzt ein Wasserfall in ein Naturbecken, das ausschließlich von Frauen für ein Warmbad genutzt wird. Die Männer beteiligen sich als Zuschauer.


Das alte Thermalbad Caldeiras ist wie ausgestorben. In einem großen Becken sprudelt heißes Wasser, hoch am Hügel steht eine kleine Kirche auf Privatgrund unerreichbar für uns. Ein paar scheue Katzen nehmen vorsichtig Kontakt mit uns auf, danach andere Touristen, Azoreaner die nach Kanada ausgewandert sind und hier Urlaub machen. Im einzigen Restaurant möchten wir »Cozido« essen - leider gibt es das stundenlang im Schwefeldampf gegarte Eintopfgericht nur auf Vorbestellung. Aus Trotz bleiben unsere Mägen leer. Im menschenleeren Hochland hat man auch noch die Wegweiser eingespart. Fahren wir jetzt Richtung Norden oder Süden? Der Kompass des iPhone weist uns darauf hin, dass wir an der letzten Kreuzung falsch abgebogen sind. So finden wir doch zur Teeplantage »Cha Gorreana«. In dem einfachen Fabrikgebäude erklären Texttafeln die Herstellung von Tee. Was bedeutet „1., 2. bzw. 3. Rolling“? Meine Englischkenntnisse reichen hier definitiv nicht aus. Wir gehen vorbei an alten Maschinen, in denen offensichtlich Teeblätter getrocknet werden, sehen einer Gruppe von Frauen zu, wie sie in mühsamer Handarbeit unerwünschte Bestandteile aus dem fertigen Produkt aussortieren. Wir probieren verschiedene Teesorten und schmecken keinen Unterschied. Aber natürlich kaufen wir 2 Packungen vom feinsten Tee, dem „Orange Pekoe“. Zum Schluss laufen wir noch durch die Plantage und sind erstaunt, welch holziges Gewächs Tee doch ist.
Vom Pico do Ferro haben wir einen wunderschönen Blick auf den Lagoa das Furnas. Der Aussichtspunkt wird gerade von einem Gärtner gepflegt, bietet aber leider keine Picknick-Tische und -Bänke. Wir sitzen auf der Mauer und essen »Chouriço«, eine Wurst aus Schweinefleisch, Speck und viel Paprika. Zum Nachtisch gibt‘s noch etwas Wassermelone.


In Furnas wollen wir den Park Terra Nostra besuchen. Leider ist sein Zugang im Führer anders beschrieben und so steigt unsere Körpertemperatur in der heißen Sonne nicht zuletzt wegen unserer hitzigen Diskussion, wo wir ihn finden können. Wir haben natürlich die Badesachen vergessen, als wir endlich an der Kasse am Eingang stehen. Folglich bezahlen wir die 10 Euro Eintritt für einen ausgedehnten Parkspaziergang - wo mir doch die Wassertemperatur von 38° im großen schwefelgelben Thermalbecken bestimmt sehr gefallen hätte. Der amerikanische Vizekonsul Thomas Hickling hat hier 1770 eine Villa errichten lassen und gleichzeitig angefangen Bäume aus aller Welt zu pflanzen. So entstand ein eindrucksvoller Garten Eden.
Auf dem Rückweg nach Vila Franca do Campo halten wir noch einmal am See. Die einzige Möglichkeit, das Auto abzustellen ist ein gebührenpflichtiger Parkplatz an einem riesigen Freizeitgelände und Besucherzentrum, mit EU-Fördergeldern für wen auch immer angelegt. Niemand außer uns will es heute nutzen. Mit einsetzendem Nieselregen gehen wir zu der fotogenen neogotischen Kapelle »Ermida da Nossa Senhora das Vitóras«, die leider dem Verfall preisgegeben ist.
Bei der Restaurantsuche am Abend folgen wir den Spuren zweier Engländer, die auch im Convento wohnen. Wegen der Empfehlung unseres Concierge landen wir aber im »Estrela do Mar«. Wir essen beide Schwertfisch, wunschgemäß grätenfrei und wie Rosmarie feststellt „einfach aber geschmacklos!“


Brotlos

Die Ananasplantage des azoreanischen Unternehmers, Politikers und Mitbegründers der SATA, Augusto Rebelo Arruda bei Ponta Delgada finden wir erst, nachdem wir mehrfach nach dem Weg gefragt haben. Ohne wirkliche Begeisterung schauen wir in die Gewächshäuser, stromern über das kleine Gelände und kaufen nichts im Ananas-Souvenir-Shop. Dieses „Erlebnis“ hätten wir einfacher haben können: angrenzend an unsere Unterkunft stehen die gleichen schattierten Gewächshäuser. Wir sind auf dem Weg zum großen Kratersee Lagoa Azul im Westen der Insel. Entlang der Nordküste gibt es unzählige Miradouros, die wunderschöne Blicke auf die schroffen Lava-Klippen eröffnen. Leider finden wir aber keinen Supermarkt, wo wir Wasser, Wurst, Käse und Obst besorgen könnten. In Bretanha hat das Suchen ein Ende. Die gut gelaunte Inhaberin kümmert sich wortreich um ihre Kunden und bindet auch uns beim Warten an der Kasse in den Dorftratsch mit ein. Gleich danach halten wir am Kraterrand und schauen hinab in das tiefdunkle Blau. Zu Fuß machen wir uns auf den langen Weg um die Caldeira, den wir „nur bis zur nächsten Kurve“ gehen wollen. Nach mehr als 1 Stunde haben wir genug gesehen und machen kehrt. Am Aussichtspunkt, wo unser Auto steht, gibt’s Brotzeit ohne Brot (unser Vorrat ist im Zimmer liegengeblieben). Per Auto umrunden wir den Vulkankegel, erfolglos nach Brot Ausschau haltend. Sete Cidades liegt im Krater. Eine Baumallee führt zum Eingang der neogotischen Pfarrkirche, die uns wenig beeindruckt. Viel mehr in unserer Erinnerung bleiben zwei völlig betrunkene junge Amerikanerinnen, die vergeblich einen einheimischen Busfahrer anmachen. Über die Brücke, die den Lagoa Verde vom Lagoa Azul trennt, führt unser Weg hinauf zum königlichen Aussichtspunkt Vista do Rei im Süden: blühende Hortensien, der kleine grüne See im Vordergrund, der dunkelblaue große Bruder dahinter, über uns wolkenloser Himmel und strahlende Sonne – eine Postkartenidylle vor uns, touristischer Kommerz im Rücken. Das Hotel »Monte Palace«, 1984 eröffnet und bereits nach 1 Jahr mangels zahlender Gäste wieder geschlossen, zeigt schon starke Verfallserscheinungen.
Das Naturschutzgebiet »Parque Lagoas Empadadas«, durch das uns der Rückweg Richtung Ponta Delgada führt, erinnert uns an die moosgrünen isländischen Hügel in der Gegend um Landmannalaugar. Bei den Ruinen des Aquädukts aus dem 16. Jahrhundert machen wir einen Fotostopp. Unser Führer klärt uns auf, dass die Mauerreste hier nur etwas mehr als 100 Jahre alt sind. Im Convento zurück spülen wir den Reisestaub im Pool ab und genießen einen weiteren schönen Abend auf „unserer“ Dachterrasse.


Erbarmungslos

Das in seiner Zusammensetzung unveränderte Frühstück verliert am dritten Morgen etwas von seinem anfänglichen Reiz. Dafür sorgt die Konversation mit heute abreisenden Engländern für eine gewisse Abwechslung. Wir benötigen dringend Sonnenschutz, die Auswahl im Supermarkt ist minimal, ganz im Gegensatz zu den horrend hohen Preisen – Azoreaner scheinen so was nicht zu kaufen. An den Caldeiras am Lagoa das Furnas ist heute „Cozido-Begräbnis“: wir sehen interessiert zu, wie die Menschen ihre in Leinensäcke verpackten Kochtöpfe mit dem Gemüse- und Fleischeintopf dem staatlichen „Cozido-Verwalter“ übergeben. Dieser vergräbt sie in dampfenden Erdlöchern und überlässt sie Mutter Erde und Vater Schwefel für 4 bis 5 Stunden. Wie das fertige Resultat schmeckt, konnten wir leider nie testen.
Das kleine Dorf Fajal da Terra hat lila Straßenlaternen und ein Betonbecken als Swimmingpool. Damit sind die Sehenswürdigkeiten aufgezählt. Von hier starten wir eine Wanderung am Meer entlang nach Faja do Calhao. Fajas sind besiedelte Küstenstreifen, durch die Landflucht vor Jahren aufgegeben, heute als romantische Wochenendsiedlungen wiederentdeckt. Unser Weg entlang der Steilküste ist teilweise recht beschwerlich, das angeschwemmte Geröll gibt bei jedem Schritt nach. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns herab, kein kühlendes Lüftchen rührt sich. Als wir nach etwa 1 Stunde ankommen, sind wir völlig erschöpft. Wir suchen einen schattigen Rastplatz. Genau den gibt es nicht. Die wenigen Privathäuser sind verschlossen, eine öffentliche Einrichtung existiert nicht. In unserer Not betreten wir ein gepflegtes Grundstück, wo seitlich am Wohngebäude eine überdachte Veranda mit Tisch und Bänken ausgestattet ist. Wir klopfen an der Tür. Da sich niemand zeigt, lassen wir uns nieder und trinken unsere mitgebrachten Getränke. Das tut gut! Auf dem Rückweg benutzt Rosmarie den Regenschirm als Sonnenschutz.
Vor dem Hintergrund der soeben erlebten Hitze beschließen wir, den Voucher für einen ganztägigen Whale-Watching-Trip morgen nicht einzulösen, da wir uns in den dafür benutzten Zodiac-Booten nicht einen kompletten Tag schutzlos der Sonne aussetzen wollen. Während wir in Vila Franca do Campo die wohl berühmteste Kirche Nossa Senhora da Paz besuchen, beginnt es zu leicht regnen – eine Wohltat! Die steilen, mit Azulejos gezierten Stufen hinauf zur Kapelle sind so wesentlich leichter zu erklimmen. Sie ist verschlossen. Das grandiose Panorama ist witterungsbedingt nur zu erahnen. Zu allem Übel verletzt sich Rosmarie auch noch am Fuß und zieht sich eine schmerzhafte Platzwunde an der großen Zehe zu.


Rastlos

Das Frühstück kennen wir nun ja schon - heute ist jeder Platz besetzt. Es ist wieder sehr heiß, als wir ein zweites Mal zum Lagoa do Fogo aufbrechen. In den Bergen hängen große Kumulus-Wolken. Jetzt haben wir ungetrübten Blick auf den Kratersee, in dessen Oberfläche sich die gleißende Sonne, der azurblaue Himmel und ein paar schneeweiße Wolken spiegeln. Wir machen heute „Seefahrt“ – unser nächstes Ziel ist der einsam gelegene Lagoa de São Bras. Er liegt auf einer Hochebene. Nur wenige Menschen haben sich hierher für ein Wochenend-Picknick zurückgezogen. Wir laufen ein Stück am flachen Ufer entlang und stellen fest, dass es wie bei uns zuhause aussieht. Auf den schmalen Straßen zwischen den Viehweiden begegnen wir häufig landwirtschaftlichen Fahrzeugen. Sie bringen Wasser und manchmal etwas Stroh auf die Weiden und holen die dort gemolkene Milch ab, um sie in der Dorfmolkerei abzuliefern. Der Lagoa do Congro versteckt sich in einem dichten Urwald. In Sandalen (anstelle der Trekkingschuhe) wandern wir viele Serpentinen abwärts. Endlich sehen wir das Wasser. Ein Pfad führt oberhalb des Ufers entlang. Wir gehen ihn entgegen dem Uhrzeigersinn und kommen irgendwann zu der Überzeugung, dass der See keinen Zugang hat. Viel zu tief liegt er in steilen Kraterschlund. Enttäuscht kehren wir um. Jetzt ist es höchste Zeit für ein Picknick. Ich erinnere mich an einen großen, schön angelegten Rastplatz an der Straße nach Furnas. Als wir dort ankommen, müssen wir feststellen, dass er völlig überfüllt ist. Die Azoreaner nutzen die Wochenenden zu ganztägigen Grill-Happenings mit Familie und Freunden auf den vielen Rastplätzen. Eine Erfahrung reicher, aber mit leerem Magen, ziehen wir ab. Ich hoffe auf ein romantisches Plätzchen am Leuchtturm von Ponta Garca. Den direkten Zugang finden wir nicht, immer noch brennt die Sonne heiß vom Himmel. Endgültig entmutigt nehmen wir die enge (Rosmarie hält den Atem an) und kurvenreiche Küstenstraße zurück nach Hause, um hier das späte Picknick auf unserer Terrasse zu machen. Wir erfrischen uns im Pool und packen unsere Taschen, da wir morgen früh abreisen werden.


Ziellos

Der Wecker klingelt um 3.50 Uhr, wenig erstaunlich, dass wir alleine beim Frühstück sind. Wegen der Uhrzeit und der lauten Saftpresse verzichten wir auf frischen Orangensaft. Es ist noch dunkel, als wir um 5 Uhr Richtung Flughafen aufbrechen. Wir checken ein und sind das Gepäck los. Der Schalter der Autovermietung hat noch nicht geöffnet, also ist Warten angesagt. Im Flugzeug haben wir freie Platzwahl. Auf dem kurzen Flug nach Faial gibt es keinen Bordservice, was auch nicht nötig ist. Der vorgebuchte Mietwagen ist ein 6 Jahre alter Opel Corsa. Er hat 85.000 km auf dem verbeulten Buckel und leider keine Klimaanlage. Die Dame am Schalter wollte uns doch tatsächlich eine Zusatzversicherung verkaufen, was wir aber dankend abgelehnt hatten. Die Kosten hätten wohl den Zeitwert des Wagens überschritten.
Die Fahrt nach Horta ist kurz, schon um 9 Uhr sind wir im Hotel »Pousada Santa Cruz« am Jachthafen. Es liegt inmitten einer historischen Festungsanlage, in der sich die Azoreaner vor angreifenden Spaniern verschanzten. Unser Zimmer wird erst ab 13 Uhr frei. Wenigstens das Gepäck können wir schon mal abgeben. Wir machen uns zu Fuß auf eine erste Erkundung der kleinen Hafenstadt, die als Muss für Weltumsegler im Rahmen der Atlantiküberquerung gilt. Bunt bemalt ist die Mole - jede Crew „verewigt“ sich mit Ölfarbe an Boden oder Wand. Die einzelnen Kunstwerke zeugen von reichlich Verkehr auf dem Atlantik. Tatsächlich laufen unentwegt stolze Segelschiffe ein bzw. aus. Eine kleine Bar, die schon bessere Zeiten erlebt hat, versorgt uns mit Milchkaffee, bevor wir einen kurzen Rundgang durch das Zentrum neben dem Jachthafen machen. In der Pfarrkirche Igreja Matriz São Salvador, direkt neben dem Rathaus, erregen stattliche Herren in roten Roben unsere Aufmerksamkeit - sie sind offizielle Teilnehmer einer Beerdigung. Es ist unerträglich heiß, als wir zur imposanten Igreja Nossa Senhora do Carmo hoch steigen. Wir drängen uns eng an die Schattenseite der Häuserfronten, manchmal auch wegen des starken Autoverkehrs in den schmalen Gassen. Die Kirche ist ob ihres desolaten Zustands nicht mehr zugänglich. Eine schattige Parkbank wieder unten am Wasser lässt uns rasten. Ich habe genug und will ins Hotel. Zum Glück ist unser Zimmer fertig. Im nebenan gelegenen kleinen Supermarkt besorgen wir eine Überlebensration, dann entern wir unseren „Beulen-Corsa“. Auf einem Rastplatz mit herrlicher Aussicht auf die Stadt planen wir unsere weiteren Unternehmungen.


Im nördlich gelegenen Flamengos sollen die Reste einer Kirche stehen, die durch das Erdbeben von 1998 zerstört worden ist. Allein der Weg dorthin ist mühsam: immer wieder zwingen uns Einbahnstraßen in eine andere Richtung. Die Fahrt bleibt erfolglos, auch Bauarbeiter am Straßenrand können uns mangels sprachlicher Verständigung nicht weiter helfen. Zurück in Horta parken wir am Porto Pim. Zu Fuß laufen wir über den gut frequentierten Strand hinüber zur alten Walfabrik und besichtigen das Museum »Centro do Mar«. Eine deutschsprachige Broschüre erläutert detailliert, wie hier bis 1974 Pottwale verarbeitet wurden. Eindrucksvoll demonstriert ein alter Film, wie in „Handarbeit“ im Kampf Mensch gegen Wal die riesigen Meeressäuger mit kleinen Booten gejagt und erlegt worden waren. Des Laufens müde trägt uns das Auto die 145 Meter hoch zum Monte da Guia, wo sich der Vulkankrater hufeisenförmig zum Meer hin öffnet. Weiteren Suchens überdrüssig setzen wir uns anschließend kurzerhand in die leere kleine Kneipe »Papa Pizza« und bestellen 2 „Medium-Size“. Die sind so groß, dass sie nicht mehr auf Teller passen und deswegen auf Pappe serviert werden. Jetzt füllt sich das Lokal schlagartig - eine Gruppe Amerikaner wählt die große Variante, was nahezu Wagenradformat entspricht. Wir haben gemeinsam viel Spaß. Es ist schon dunkel, als wir noch mal über die Mole des Jachthafens bummeln.


Vegetationslos

Das »Pousada Santa Cruz« bietet uns ein völlig neues Frühstückserlebnis - typisch europäisches Allerlei inkl. Rührei mit nicht krossem Speck - die Ananas sind sauer - willkommen in der Touristenklasse. Wie ein Champagnerkorken ragt der »Morro de Castelo Branco« nahe des Flughafens aus dem Meer. Die kleine Zufahrtstraße wird zusehends schlechter, den Rest des Wegs wollen wir nicht einmal dem alten Opel zumuten und gehen einige Schritte zu Fuß. Der Aufstieg auf den Vulkankoloss ist schmal und steil und nichts für unsere schwachen Nerven (und Körper). Vegetationslose Mondlandschaft erwartet uns in Capelinhos. Wir waren gerade mal 4 Jahre alt, als hier neues Land aus 30 Millionen Tonnen Lava entstand. 12 Monate lang tobte und bebte die Erde und zerstörte weite Teile des Inselwestens. Das »Centro de Interpretação do Vulcão« ist dem Vulkanismus weltweit und insbesondere hier auf den Azoren gewidmet. Es ist sehr sehenswert und unterirdisch (damit die einmalige Landschaft nicht gestört wird). Auch hier sind kaum Besucher. Im englischsprachigen 3D-Film sind wir die einzigen Zuschauer. Wir klettern die Wendeltreppe hoch auf die Spitze des alten Leuchtturms. Danach müssen wir natürlich noch bis ans Ende der Welt (Insel). Einen Schritt vor und einen halben Schritt zurückrutschend steigen wir den steilen Kraterrand hoch. Oben führt uns ein Trampelpfad bis zur zerklüfteten Steilküste, wo sich das Meer inzwischen den größten Teil des neuen Landes bereits wieder geholt hat. Der Rückweg ist ähnlich beschwerlich: in meinen Trekking-Sandalen bildet sich bei jedem Schritt ein neues Lava-Kiesel-Fußbett - Azoreanische Reflex-Zonen-Massage! Zur Pause im »Parque Florestal« überraschen uns Gämsen in einem Gehege. Eine scheue Katze wagt sich in unsere Nähe, was wir überwiegend dem verführerischen Duft der »Chouriço« zuschreiben. Das riesige Picknick-Areal ist sehenswert und die Toiletten purer Luxus. Rosmarie sucht in der Karte einen Weg zur Caldeira. Ich kann mich an ein Hinweisschild auf der Herfahrt erinnern und folge diesem. Auf roter Schotterpiste umrunden wir fast den ganzen Krater bis nördlich von Flamengos. Die Strecke erweist sich jedoch als landschaftlich überaus reizvoll und biete viele schöne Blicke über Faial und auf die Nachbarinsel Pico. Riesige blühende Hortensienhecken durchziehen das Land. Genau in dem Augenblick, als wir in den Krater blicken, durchbricht die Sonne den wolkenverhangenen Himmel und beleuchtet die Szene. Logisch, Rosmarie hat gerade 2 vierblättrige Kleeblätter gefunden und eines anderen Touristen abgetreten! Die Restaurant-Suche gestaltet sich heute Abend als schwierig. Entweder wir sind zu doof, den Stadtplan zu lesen, oder es gibt das »Ponto Come« gar nicht mehr. Schließlich landen wir im »International«, wo wir draußen ein gemütliches Plätzchen finden. Keine schlechte Wahl, kurze Zeit später sind die Tische heiß begehrt.


Unternehmungslos

Ausgeschlafen starten wir die Erkundung des Inselostens. Der »Miradouro Carneiro« gewährt eine schöne Aussicht über Horta. Vor einem Kreuz stecken in einem Beton-Trog mit Gitter darüber Reste geschmolzener Kerzen - kein Grillplatz, wenn‘s auch so aussieht. In Pedro Miguel finden wir Zeugnisse der Erdbebenkata​strophe vom Juli 1998. Die »Igreja de Nossa Senhora da Ajuda« wurde dabei zerstört. Der Kirchturm blieb zwar stehen, der Rest des Gotteshauses fiel jedoch zusammen. Die Messe wird seither im Nachbarhaus abgehalten. Die Natur hat das Gebäude übernommen, aus allen Ecken und Mauerritzen wachsen Pflanzen.
Der Kirche in Ribeirinha erging es nicht besser. Hier steht die Hauptfassade noch, das Kirchenschiff wurde auch hier dem Erdboden gleich gemacht. Der Friedhof nebenan ist nicht zerstört, aber viele Menschen zogen offensichtlich weg und so gibt es anscheinend immer weniger, die die alten Gräber pflegen. Wie kommen wir zu dem alten Leuchtturm? Der einzige Gast der Bar nebenan spricht kein Englisch. Mit der Frage »Farol« und seiner wortreichen Gestik kommen wir doch zum Ziel. Das Gebäude am Leuchtturm ist ebenfalls völlig verwüstet, einzig der Turm ist in seiner Gesamtheit stark beschädigt erhalten. Wieso hielten die Türme den Naturgewalten mehr stand als die flachen Gebäude?
Mittagsrast machen wir an einem schönen Picknick-Platz bei Ribeira Funda. Wenn man von hier weiter nach Westen fährt, soll sich die Landschaft schlagartig ändern (sagt unser Führer). Wir können das nicht feststellen und kehren mitten im Nirgendwo um. Den Rest des Tages genießen wir faul am Hotelpool. Wir machen noch mal Fotos am Jachthafen und essen bei »Papa Pizza« diesmal die kleine Variante von Porzellan-Tellern. Am Strand von Port Pim spricht uns ein holländisches Pärchen an, vor Jahren hierher ausgewandert, aber immer noch an heimischen Kontakten interessiert. Im Park unter unserem Fenster findet heute ein Konzert statt, also haben wir Live-Musik zum Einschlafen.


Orientierungslos

Der Mietwagen bleibt vor dem Hotel stehen, das kurze Stück Weg zum Hafen ziehen wir unser Gepäck hinter uns her. Wir verlassen Faial mit der Fähre zur Insel Pico. Im Hafen von Madalena do Pico wartet ein nagelneuer Citroen C1 auf uns (eine Entschädigung für den Erlebnis-Corsa?). Unser Hotel liegt am anderen Ende im Osten der Insel. Aus der Laune heraus beschließen wir, quer über das Hochland zu fahren, direkt vorbei am Pico, mit seinen 2351 Metern der höchste Berg Portugals. Die Natur auf Pico ist völlig anders als die blumige Vegetation der bisher erlebten Inseln: das Gelände ist schroffer, die Pflanzen sind karger. Anstelle von Hortensien-Hecken durchziehen Lava-Steinmauern das Land. Der Lagoa do Capitao lädt uns zur Pause ein. Hell glitzert die Sonne im dunklen Wasser, majestätisch blickt der Pico auf uns herab. Rauchschwaden künden Geothermie - aber halt, das sind ja Wolkenfetzen! Im nächsten Augenblick frösteln wir im dichten Nebel. Wir genießen die Fahrt vorbei an kleinen Seen, die Sonne ist wieder zurück. Die Hügel werden runder, die Weiden und Kuhherden größer. Aus dem Nichts taucht eine Gruppe Rinder auf und trabt gemütlich vor uns auf der Straße nach - wohin eigentlich? Brav folgen wir ihnen - wie weit eigentlich? Was machen die großen Tiere, wenn man hupt? Greifen sie dann das nagelneue Auto an? Darf man langsam zwischen ihnen durch fahren? Ein mächtiger Pickup zeigt uns, wie‘s geht: ohne zu zögern einfach drauf los. Mit etwas weniger Schwung und mehr Bedenken schaffen wir‘s auch. Es folgt eine Passage mit vielen Kreuzungen - meistens beschildert. Aber wie soll man die Beschriftung lesen? Gehören die Pfeile neben oder unter den Ortsnamen zum Text? Welcher Pfeil gehört zu welcher Straße? Ich verlasse mich mehr auf den Stand der Sonne und wir kommen tatsächlich nach Piedade, unserem Ziel. Im Supermarkt erkundigen wir uns nach unserem Hotel, dem »L´Escale de l´Atlantic«. Enge, von Lavasteinmauern begrenzte, verwinkelte Straßen führen zu dem Idyll ohne Klingel - eine Schiffsglocke kündigt Besucher an. Das Schweizer Ehepaar Monique und Jack hat hier ein Paradies geschaffen. Wandfarben, Möbel und Vorhänge etc. sind farblich und thematisch aufeinander abgestimmt. Vor dem Zimmer ist eine große Veranda, auf der man abends wunderschön sitzen und aufs (nicht unmittelbar angrenzende) Meer hinabblicken kann. Zimmer mit Bad hat hier eine etwas andere Bedeutung - unser Badezimmer ist ein eigenes separates Gebäude.
Die abendliche Restaurantsuche gestaltet sich als überaus schwierig. Wir decken uns mal wieder im Supermarkt ein und suchen einen schönen Picknickplatz - genauso schwierig. Eine extrem steile Straße (hoffentlich kommen wir da wieder hoch) führt uns an die Baia da Fonte, wo ein lauschiges Freizeitgelände zum Verweilen einlädt.
Im Hafen von Calhau sehen wir dem gemütlichen Treiben der Fischer zu, wie sie die Boote mit einem alten Kran zu Wasser lassen und auf nächtlichen Fang gehen. In der alten Strandbar trinken wir noch einen Kaffee. Ein sehr alter Mann bedient die moderne Espressomaschine und überrascht uns noch mehr, als sich herausstellt, dass er sogar Englisch spricht. Er hat früher die Hälfte des Jahres in Kanada gelebt und gearbeitet.


Sonnenlos

Während der Nacht hat es zu regnen begonnen. Monique entschuldigt sich dafür und erklärt uns, wie dringend das Land und seine Vegetation diese Feuchtigkeit benötigen. Wir sitzen auf der Terrasse mit Blick auf kein Meer sondern auf dichte Regenwolken und werden mit einem grandiosen Frühstück entschädigt. Lukullus hätte sich hier ebenso wohl gefühlt. Ich bewaffne mich mit meiner Kamera und banne Wassertropfen auf den Chip, die die Farben der bunten Keramik-Skulpturen im Garten intensivieren. Minerva, die Göttin der Künstler, hat sich hier inspirieren lassen. Wir sitzen auf unserer Veranda und genießen einen beschaulichen Vormittag. Der kleine Ort Lajes an der Südküste ist ein Synonym für Walfang und Walbeobachtung. Wir besichtigen die alte Walfabrik mit dem Museum »Centro de Artes e de Ciências do Mar«. Es gibt weitaus weniger alte Maschinen als in Horta zu sehen und sie werden weniger detailliert erklärt. Mag sein, dass es daran liegt, dass wir erst vor 4 Tagen eine Walfabrik besichtigt haben, aber wir finden die Ausstellung enttäuschend. Trotzdem erliegen wir dem „Walfieber“ - bei einem der vielen Anbieter von Beobachtungsfahrten buchen wir für morgen einen Trip auf einem geschlossenen Kabinenschiff. Der Törn wird allerdings nur durchgeführt, wenn sich genügend Interessenten melden - bislang sind wir die Einzigen. Die freundliche Dame verspricht, uns morgen telefonisch zu verständigen. Bei strömendem Regen sitzen wir in einem der kleinen Straßencafes draußen unter einem großen Schirm und essen Salat bzw. Burger (wer von uns hat wohl die gesunde Wahl getroffen?). In der Post erstehen wir Briefmarken für die obligatorischen Urlaubsgrüße an die Arbeitskollegen zuhause. Die passende Marke ist nicht vorrätig, so dass wir 4 einzelne Wertzeichen erhalten, die fast die Hälfte der Karte verdecken. Am Bankautomaten gegenüber gibt es Bargeldnachschub. Ein großer und moderner Supermarkt versorgt uns zu guter Letzt mit Naturalien. Es hört zu regnen auf, als wir uns auf den Heimweg machen. Rosmarie entdeckt am Straßenrand einen alten »Vigia de baleia«, einen Walausguck. Von hier wurden zu Zeiten des Walfangs die Menschen über den Standort eine Wals informiert, die dann zur Jagd aufbrachen. Heute ist das noch fast genauso. Allerdings benutzt man zur Verständigung Funk und die Tiere werden nur noch digital „erlegt“.


Teilnahmslos

Heute haben wir schlecht geschlafen. Wir hielten Tür und Fenster zur stark frequentierten Veranda (Gäste und Katzen) geschlossen. Damit war es sehr heiß. Monique gibt uns für die letzte Nacht ein großes Leinentuch mit gehäkelter Spitze. Schon in der letzten Nacht ließ uns der Cagarro, der Gelbschnabelsturmtaucher, mit seinem lauten Geschrei lange nicht einschlafen. Zum Frühstück auf der Terrasse begrüßt uns heute die Sonne. Leider macht sie sich kurz darauf wieder rar. Entlang der nördlichen Küstenstraße Richtung Westen verstecken sich die Berge hinter dichten Wolken, genauso wie die nur 9 Kilometer entfernte Insel São Jorge. Die Kirche »Igreja de São Pedro de Alcantara« in São Roque zeigt sich uns verschlossen. Als die Mitglieder einer großen Motorradgruppe darin verschwinden, gehen wir hinterher und stellen fest: nur genügend kräftig auf die Klinke drücken! Die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Die üppige barocke Innenausstattung steht in krassem Gegensatz zur azoreanisch schlichten Fassade außen. Die Küste ist geprägt von schroffen Basaltformationen. In einem großen Naturschwimmbecken tummeln sich viele Menschen, wenn auch die Sonne sich immer noch sehr bedeckt hält. Das Franziskanerkloster »São Pedro de Alcântara« dominiert imposant den Ortseingang von Cais do Pico und ist heute eine Jugendherberge. In der Hafenstadt pulsiert das Leben - es findet ein Fest statt. In Buden und Ständen werden überwiegend alkoholische Getränke angeboten. Auch hier wäre ein Walmuseum zu besichtigen - wir lehnen gesättigt ab. Ein Erinnerungsfoto am Walfänger-Denkmal muss genügen. Im kleinen Weiler Cabrito machen wir auf den Basaltfelsen am Meer Pause. Anstatt scharfkantiger Brockenlava finden wir hier interessante Formationen von Stricklava. Die Wolken sind verschwunden, wir lassen die Seele baumeln. Der Anruf, dass unsere Whale-Watching-Tour heute mangels genügender Teilnehmer leider nicht durchgeführt werden kann, ist keine herbe Enttäuschung. Es ist wunderschön hier! Auf dem Weg entlang der Küste nach Madalena machen wir immer wieder Halt. Das ganze Gebiet ist von Steinmauern durchzogen, in deren Schutz Wein angebaut wird. Dazwischen verstecken sich romantische alte Steinhäuser, aus schwarzer Lava gemauert und weiß verfugt. In der Hauptstadt Madalena trinken wir am Hafen Kaffee. Wir beobachten 3 Grazien beim Fischfang. Am Tisch neben uns sitzt ein Ehepaar aus der amerikanischen Gruppe, mit der wir bei »Papa Pizza« in Horta vor 5 Tagen so viel Spaß hatten. Der kurze Bummel durch den Ort lässt uns nichts Sehenswertes entdecken. Die Tour an der Südküste entlang nach São Mateus ist geprägt vom Weinanbaugebiet Verdelho. Unzählige fleißige Hände müssen in unzähligen Stunden harter Arbeit die nicht enden wollenden Steinmauern errichtet haben. Am Leuchtturm Laje do Cavalo lassen wir die Augen über das glitzernde Meer zu unseren Füßen schweifen. Der Gipfel des Pico in unserem Rücken beginnt sich wieder zu verhüllen. Das kann uns nicht davon abhalten, den Rest der Strecke wieder durch das zentrale Hochland zu fahren. Saftig grüne Hügel unter weiß-blauem Himmel - auch beim zweiten Mal eine Augenweide! Wer kümmert sich wohl um die großen Rinder-Herden oder Pferde, die gemächlich durch das offene Weideland grasen? Auf dem höchsten Punkt thronen oftmals einzelne Tiere. Ist dort das Futter noch besser, oder genießen sie die fantastische Aussicht? Wir schlemmen heute Abend im Restaurant »O´Barbecue«. Weder die Lage im Nirgendwo zwischen Piedade und Lajes noch das Äußere des Lokals können beeindrucken. Die einfache Ausstattung wird mehr als wett gemacht durch die zuvorkommende freundliche Bedienung und das wohlschmeckende Essen. Der Inhaber kümmert sich persönlich um seine Gäste. Er erzählt uns, dass er vor Jahren für einige Monate in einer schwäbischen Metzgerei gearbeitet habe.


Appetitlos

Beim Frühstück kurz nach 7 Uhr sitzen wir heute alleine auf der Terrasse. Wir finden ein paar freundliche Worte fürs Gästebuch, dann heißt es Abschied nehmen von einer wildromantischen Insel und unseren netten Gastgebern. Mit uns fliegt eine große Pfadfindergruppe auf die Insel Terceira. Der nächste Mietwagen steht bereit und bringt uns in weniger als einer halben Stunde quer über die ganze Insel nach Angra do Heroismo. Kurz vor dem Ziel wähle ich in einem Kreisverkehr eine Ausfahrt zu früh und zu guter Letzt übersehe ich die Einfahrt zu unserem Hotel »Quinta das Mercês«, einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert. Das Inhaber-Ehepaar - nur unmerklich jünger - zeigt uns voller Stolz das stattliche Anwesen.
Die erste Stippvisite der Inselhauptstadt lässt uns neben »Sé Catedral« parken, der größten Kirche auf den Azoren, wo gerade eine festliche Hochzeit stattfindet. Deutlich weniger prunkvoll genehmigen wir uns einige Meter weiter ein schlichtes Menü aus Hamburger mit Pommes und Cola. Mit vollen Mägen zieht es uns in der prallen Sonne auf den Monte Brasil, 200 Meter hoch mit schönem Blick über die Stadt. Der Weg dorthin führt vorbei an einer Kaserne - darf man da überhaupt durch? Dann wählen wir mal wieder den falschen Weg und landen auf einem Nebengipfel mit dem Sendemast einer alten Funkanlage. Kurz darauf ist der richtige Aussichtspunkt mit einem Säulenmonument und Kanonen drum herum erreicht. Der Platz ist wenig beeindruckend, aber die Aussicht über die Stadt und die Insel famos. Ich will noch unbedingt zum »Alto da Memória, einem Obelisken oberhalb des Stadtparks. Wir irren mit dem Auto kreuz und quer durch die kleine Stadt, ehe wir ihn finden und das Pflichtfoto schießen. Entweder den Burger oder die Hitze oder beides zusammen haben wir heute nicht gut vertragen. Mit flauen Mägen gehen wir ohne Abendessen früh schlafen.


Wolkenlos

Zum Frühstück im Innenhof geht‘s uns wieder gut. Um uns herum hören wir zum ersten Mal vertraute Laute: das Hotel ist voller deutscher Gäste. Zumindest fast - eine italienische Familie sorgt für Unterhaltung. Papa führt pausenlos abwechselnd, manchmal sogar gleichzeitig mit 2 Handys wichtige Telefonate.
Die Schwefeldampfquellen »Furnas do Enxofre« soll man frühmorgens besuchen, damit man bei niedrigen Außentemperaturen den heißen Dampf besser sehen kann. Wir sind offensichtlich zu spät und nicht beeindruckt. An der Nordküste treffen wir an diversen Miradores immer wieder auf unsere Pfadfindergruppe. Die freuen sich und sind stolz, dass uns ihre portugiesische Heimat so gut gefällt.
Über 1000 Meter hoch ist der höchste Berg der Insel »Serra de Santa Bárbara«. Die Straße führt in vielen Kehren steil bergan. Wolken ziehen auf. Auf dem höchsten Punkt stehen wir in inmitten dichten Nebels, um uns herum tobt ein Orkan. Eine Weile warten wir im Auto und geben dann doch auf. Wenig später auf dem Weg nach unten sind Wolken und Sturm wieder verschwunden.
Der »Lagoa das Patas« (Ententeich) liegt in einem dicht bemoosten Zedernwald und hat laut unserem Führer „etwas märchenhaftes“. Wir finden ihn fürchterlich kitschig und machen auf dem Absatz kehrt. Die »Caldeira de Guilherme Moniz« ist der größte Krater der Azoren. Da seine Wände weitgehend eingestürzt sind, ist er kaum noch zu erkennen. In Biscoitos besichtigen wir die kleine Kirche und bewundern die schöne Heilig-Geist-Kapelle. In einer schmuddeligen Bar trinken wir Kaffee. Der ganze Tag war nicht besonders aufregend und bei uns ist „die Luft raus“. Wir wollen nach Hause, wählen eine Abkürzung und fahren einem schwer beladenen Lastwagen hinterher. Die Restaurantempfehlung in São Mateus da Calheta, das »Adega de São Mateus« direkt unterhalb der Kirche hat geschlossen. Als wir irritiert wieder wegfahren wollen, spricht uns ein Mann mittleren Alters in amerikanischem Dialekt an. Das Restaurant würde gleich öffnen. Er will wissen wo wir herkommen und wie uns die Azoren gefallen. In dem entstehenden Dialog erfahren wir, dass er keineswegs Amerikaner, sondern nach Kalifornien ausgewanderter Azoreaner auf 4-wöchigem Urlaub hier ist. Er überlegt, im Alter auf die Azoren zurückzukehren, ist sich aber nicht sicher, da seine Tochter fest in den Staaten verwurzelt sei. Einmal mehr erfahren wir die Bestätigung der Tatsache, dass viele Portugiesen in der Hoffnung auf Arbeit und Lebensqualität ihr Heil in Amerika gesucht und gefunden haben. Das Restaurant ist klein, rustikal mit blauen Fliesen an den Wänden ausgestattet. Das Essen schmeckt, aber die Inhaberin verbreitet Hektik und erweckt den Eindruck, sie möchte schnell die nächsten Gäste bedienen können.


Kampflos

In Angra do Heroismo halten wir an der Stierkampfarena. Das Tor ist offen, also gehe ich rein. Es wird aufgeräumt, vermutlich nach einer abendlichen Veranstaltung gestern. In Portugal sind Stierkämpfe ja unblutig, zumindest für den Stier. Wir würden gerne so ein Schauspiel mal erleben. Der Südwesten der Insel bis Praia da Vitória ist unspektakulär. Einzig die Heilig-Geist-Kapelle in São Sebastião sticht heraus. Sie ist in kräftigen Farben außen gestaltet, eine steile Treppe führt hinein. Die Hochebene Serra do Cume ist von dichtem Grün und Viehweiden geprägt. Von oben hat man am Aussichtspunkt auf 545 m Höhe einen schönen Blick auf den flachen Riesenkrater Caldeira da Guillerme Moniz auf der einen Seite, die Serra do Moriao in Richtung Angra sowie die gesamte Bucht um Praia da Vitoria in Richtung Osten. Es ist einer der schönsten Aussichtspunkte auf Terceira. Eine wunderschöne Landschaft mit regelmäßig angeordneten Weiden liegt zu unseren Füßen.
An der Kreuzung bei Bagacina lässt uns ein Menschenauflauf halten. Getränke und gegrilltes Geflügel werden verkauft. Um eine mit Steinmauern gesäumte Weide stehen Menschen. Drinnen laufen aufgeregte Jungrinder umher. Hier muss ein Stierkampf stattfinden! Eine Rakete wird abgefeuert. Ist das jetzt das Ende oder der Beginn? Die Auskunft der Einheimischen ist sehr vage: es müssten noch Kämpfe stattfinden, man wisse aber nicht, wann sie beginnen. Es ist warm, die Sonne scheint, unser Jagdfieber lässt uns warten. Die Dorfjugend spielt derweil in der „Arena“ Fußball. Gerade als wir aufgeben wollen, verändert sich die Situation. Ein einzelner Jungstier wird in den Pferch getrieben. Hinter schützenden Steinwänden stehen Jugendliche und liefern Mutproben, indem sie möglichst nahe vor dem wütenden Rind davonlaufen. Nach gewisser Zeit wird der Stier gewechselt. Die Tiere sind unterschiedlich temperamentvoll. Bei einem besonders wütenden Exemplar, das mit seinen Hufen aggressiv im Staub scharrt, sind die Läufe der Burschen deutlich schneller und mit gehörigem Sicherheitsabstand. Das ganze Spektakel geht ohne sichtbare Verletzungen für Mensch und Tier ab.


Die Höhle »Algar do Carvão« ist der einstige Förderschlot eines Vulkans und ca 100 Meter tief. Das Stativ meiner Videocam muss ich leider an der Kasse abgeben. Über Treppen steigen wir hinab, vorbei an weißen Stalagmiten und Stalaktiten. Ansonsten sind die Wände sehr dunkel, von wenigen Lampen erhellt. Wasser tropft überall von den hohen Gewölben. Sonnenlicht fällt nur am oberen mit hellgrünen Farnen und Sträuchern bedeckten Teil herein. Am Grund hat sich ein kleiner See gebildet.
Der Aufenthalt beim Stierkampf war nicht eingeplant gewesen. deswegen verspüren wir einen gewissen Zeitdruck. Wir müssen nämlich zum Flughafen, vorher den Mietwagen abgeben. Letztlich klappt alles. Wir unterhalten uns mit einem deutschen Ehepaar, das die gleiche Reiseroute beim gleichen Veranstalter gebucht hat wie wir. Der Flug nach Ponta Delgada auf São Miguel ist wieder nur kurz. Da wir dort im gleichen Hotel, dem »São Miguel Park« übernachten, nehmen wir gemeinsam ein Taxi und verabreden uns auch zu einem gemeinsamen Abendessen. Das große Hotel mit seinen 163 Zimmern stellt uns für unsere letzte Nacht eine riesige Suite zur Verfügung. Es handelt sich um komfortable 4-Sterne-Touristenklasse - trotzdem sind wir froh, diesen Typ auf der zurückliegenden Reise nie gewählt zu haben.


Zeitlos

Die kurze Spanne zwischen Frühstück und Abflug stromern wir noch ein wenig durch das Zentrum von Ponta Delgada. Wir gehen zur Festungsanlage »Forte de São Brás«, zur Kirche »Igreja de São José« und zum »Convento de Nossa Senhora da Esperança«, weiter zur »Igreja Matriz de São Sebastião« und dem Rathaus. Es ist sehenswert, aber wir nehmen nur noch bedingt wahr - um 11 Uhr bringt uns ein Taxi zum Flughafen und die Air Berlin wieder heil zurück über Düsseldorf nach München. Zum Ende der Reise waren wir offensichtlich schon gesättigt und nur noch teilweise aufnahmefähig für die Schönheiten der Azoren. Vielleicht hätten auch 3 Inseln genügt? Trotzdem ziehen wir ein sehr positives Resümee: eindrucksvolle Natur mit freundlichen Menschen!


© copyright Otto Kinateder