RUSSLAND
Auf den Spuren der Zaren


alternativ als PDF-Datei mit Fotos (32 Seiten - 2,3 Mb)

Reiselustige Menschen wie wir unterhalten sich gerne über Urlaub. Gemeinsam mit unseren Freunden Elfriede und Sepp, sowie Gitti und Hans fanden Rosi und ich, dass Russland eine Reise wert sein müsste. 'Weiße Nächte in St. Petersburg' klang sehr verlockend. Ich oute mich an dieser Stelle: meine Vorstellung ging in Richtung 'dick eingemummt in warmen Mantel und Fellmütze im Pferdeschlitten'. Ich ließ mich belehren, dass der Name von den rund um die Uhr hellen Nächten in der Zeit der Sommersonnenwende kommt - St. Petersburg liegt auf der geografischen Höhe von Anchorage in Alaska! Rosi begann das Studium von Reiseberichten und -angeboten. Bald stellte sich heraus, dass die beste Option eine Pauschalreise wäre. Russische Sprache und Schrift erschienen uns für individuelles Reisen ein unüberwindliches Hindernis. Am Ende entschieden wir uns für eine Flusskreuzfahrt, in der Hoffnung, dabei neben dem angebotenen kulturellen Programm noch genügend Zeit für Ruhe und Erholung zu haben.


Die russische Wirklichkeit ist ein erhabenes, universelles, geordnetes Chaos.

(Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, 1821 - 1881)

Sonntag, 18. Juni
Wir fliegen mit Pulkovo Airlines - das Unternehmen bezeichnet sich selbst als die älteste Fluggesellschaft Russlands - pünktlich um 8.50 Uhr in München Richtung St. Petersburg ab. Nun ja, unser Transportmittel hat offensichtlich schon Einiges erlebt. Die Bestuhlung ist zudem für Pygmäen gedacht: die Knie stoßen an die Lehnen des Vordersitzes, die blechernen (!) Klapptische kleben an unseren Wohlstandsbäuchen und Hans kriegt seinen Sicherheitsgurt nur mit Mühe zu. Nach einer Flugzeit von 2 ¾ Stunden erreichen wir dennoch wohlbehalten unser Ziel.


Ich besorge mir gleich am Flughafen 8.000 Rubel (ca. 240 Euro) am EC-Automaten. Später werden wir Mühe haben das Geld auszugeben, da auf unserem Schiff alles in Euro bezahlt wird. Der Bus für den Transfer steht schon bereit. Die Reiseleiterin erzählt von den Sehenswürdigkeiten der Großstadt, hat aber zu unserem Erstaunen keine Ahnung vom Programm der Tour unserer nächsten Tage. Die Strecke säumen verwahrloste Plattenbauten der Sowjet Ära. Es ist sehr heiß. In einem kleinen Hafen an der Newa wartet die Leonid Krasin bereits auf uns. Sie wurde 1989 auf der Elbewerft Boizenburg in Deutschland gebaut. Mit einer Länge von 129 m und einer Breite von 16 m bietet sie auf 5 Decks knapp 100 Mann Besatzung und bis zu 280 Passagieren Platz. Die Motoren leisten 3000 PS und beschleunigen das Schiff auf maximal 25 km/h.


Leonid Borissowitsch Krassin (1870 - 1926) war ein russischer Revolutionär und früher Kampfgefährte von Stalin und Lenin. Er war einer der ersten Herausgeber der Prawda und wurde 1903 Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki. 1908 emigrierte Krassin nach Deutschland, wo er zunächst für die Siemens-Schuckertwerke in Berlin arbeitete. Später stieg er bis zum stellvertretenden Direktor der Russischen Siemens-Schuckertwerke AG auf. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde ihm dann die Geschäftsleitung der russischen Siemens-Niederlassungen übertragen. Nach der Oktoberrevolution 1917 kehrte Krassin nach Russland zurück und wurde Volkskommissar für Handel in den Jahren von 1920 bis 1924.


Wie eng und spartanisch werden wir die nächsten Tage wohnen? Olympia Reisen beschreibt das schwimmende Hotel so: "Unser Schiff, die MS Leonid Krasin, ist sehr komfortabel, geschmackvoll ausgestattet und gehört zu den schönsten schwimmenden Hotels in Russland. Alle von uns angebotenen Kabinen (außer Unterdeck, dort Bullaugen) sind Außenkabinen mit großen Panorama-Fenstern und ausgestattet mit Dusche/WC, individuell regulierbarer Klimaanlage und Bordradio. An Bord befinden sich ein Sonnendeck, Restaurant und Bar, Lese und Musiksalon, Souvenirgeschäft. Ärztliche Versorgung an Bord ist gewährleistet. Für Unterhaltung an Bord ist gesorgt (Russisch Kurs, russische Lieder, Tanzturnier und andere abendliche Unterhaltung). Bei den Mahlzeiten handelt es sich um gutbürgerliche internationale Küche mit russischem 'Touch' ".


Wir machen uns selbst ein Bild: die Einrichtung ist recht einfach und zweckmäßig, das Bad sogar größer als erwartet. Wir machen es uns zunächst mal gemütlich. In einem nahe gelegenen Supermarkt kaufen wir Snacks und Getränke, da es hierfür keinen Shop an Bord gibt. Frau Ludmila, unsere Olympia Reiseleiterin, stellt das inklusive bzw. zusätzliche fakultative Programm vor. Für uns 6 ist klar, dass wir Puschkin mit dem berühmten Bernsteinzimmer sehen wollen. Darüber hinaus möchten wir sowohl Peterhof als auch die Peter und Paul Festung im Rahmen einer Bootsfahrt durch die Kanäle mitnehmen. Diese beiden Ausflüge finden dummerweise gleichzeitig statt! Also buchen wir zunächst nur den Katharinenpalast und vertagen die weitere Entscheidung auf morgen.


Wie kommt man heute Abend ins Zentrum? Frau Ludmila empfiehlt Taxen (für knapp 50 Euro hin und zurück!) - wir entscheiden uns für die Metro, obwohl wir zur nächsten Station ½ Stunde gehen müssen. Die einfache Fahrt kostet 12 Rubel (knapp 40 Cent). Umsteigen ist nicht erforderlich, das erleichtert das Ganze. Es gelingt uns, die kyrillischen Lettern der Stationsnamen zu entziffern. Imposant, sogar beängstigend sind die endlos langen und extrem steilen Rolltreppen in den Untergrund. Wegen der vielen Flüsse und Kanäle der Stadt liegt die Bahn bis zu 100 m tief. Einige Metrostationen gleichen prunkvollen Palästen. Wir erreichen ohne Probleme mit einer lauten, alten, klapprigen U-Bahn das Zentrum um den Newski-Prospekt. Das ist eine 4,5 km lange Flaniermeile und Prachtstraße. Die Menschen sind auffallend gut gekleidet. Kurzerhand nehmen wir an einer Bootstour durch das 'Venedig des Nordens' teil. Damit steht auch die Entscheidung, bei Frau Ludmila morgen den Ausflug nach Peterhof zu buchen, da wir die fakultative Bootsfahrt ja jetzt auf eigene Faust organisiert haben. Die Ticketverkäuferin spricht Englisch - der Bootsführer und Guide auf der Tour leider nicht. Er wirft uns wütende Blicke zu, als wir seinen russischen Erklärungen nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Auch ohne zu verstehen nehmen wir im warmen Abendlicht erste imposante Eindrücke auf der Fahrt durch die Kanäle mit. Gegen 23 Uhr, es ist immer noch hell, kehren wir zum Schiff zurück.


Man muss das Leben eben nehmen, wie das Leben eben ist

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Montag, 19. Juni
Nach einem mäßigen Frühstück - wir werden auf der ganzen Reise kein besseres erhalten - fahren wir um 9 Uhr mit Bussen zur Stadtrundfahrt ab. Am Smolnij Ensemble machen wir den ersten Halt. Zarin Elisabeth hatte hier ein Frauenkloster errichten lassen. Kurz danach im Jahre 1764 wurde es als 'Institut für adelige Fräulein' die erste Lehranstalt für Frauen in Russland. Im Lauf der Jahre wurde es um das Aleksandr-Institut erweitert, das als Schauplatz der Oktoberrevolution in die Geschichte einging und heute Sitz der Stadtverwaltung ist. Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Christi-Auferstehungs-Kirche. Bei der äußeren und vor allem inneren Gestaltung des Bauwerks dominieren Mosaiken, die insgesamt eine Fläche von 7.000 Quadratmeter bedecken. Sie wurde von dem Sohn Alexanders II. an der Stelle erbaut, an der sein Vater 1881 durch ein Attentat ums Leben kam. 20 Jahre vorher hatte dieser Russland von der Leibeigenschaft befreit.


Die Isaaks-Kathedrale mit ihrer gigantischen goldenen Kuppel mit 26 m Durchmesser prägt das Stadtbild. Die größte Kirche Russlands wurde in mehr als 40 Jahren, von 1810 bis 1858 erbaut und sollte die Position Russlands als neue europäische Großmacht zum Ausdruck bringen. Mehr als eine halbe Million Leibeigene leisteten schwerste Fronarbeit. Mittagessen gibt es auf dem Schiff. Danach folgt die Besichtigung der 25 km südlich gelegenen Zarenresidenz 'Zarskoje Selo' oder 'Puschkin'. Zar Peter I. hatte sie für seine Frau Katharina I. als Sommerresidenz erbauen lassen. Der preußische König Friedrich Wilhelm I schenkte das berühmte Bernsteinzimmer, dessen Rekonstruktion mich weniger beeindruckte als die vielen nicht so prominenten Prunksäle. In brütender Sonne heißt es aber zunächst in langer Schlange vor den Kassen warten. Elfriede zieht es vor, im Schatten zu bleiben und ist erstaunlicherweise am Ende vor uns allen im Schloss! Nach der eindrucksvollen Führung durch das Gebäude bewundern wir den mehr als 600 ha großen prachtvoll gestalteten Park. Die Rückfahrt zum Schiff führt uns vorbei an einfachen Holzhäusern. Je näher wir der Stadt kommen umso mehr werden sie verdrängt von zunehmend verfallenden Hochhäusern in billiger Plattenbauweise. St. Petersburg ist eine 5-Millionen-Stadt mit 2 Gesichtern: das Zentrum mit prunkvollen Palästen und Kirchen - umgeben von einem maroden Wohngürtel.


Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Dienstag, 20. Juni
Wir 6 trennen uns heute zunächst von der Reisegruppe. Unsere Führerin kann nicht verstehen, warum wir die berühmten Ausstellungen in der Eremitage verschmähen. Wir laufen lieber auf eigene Faust durch das Zentrum. Am Winterpalais und Admiralität vorbei erreichen wir die Isaak Kathedrale. Rosi und die anderen besichtigen sie von innen, während ich derweil die Umgebung digitalisiere. Die Lunchpakete, die es heute anstelle eines Mittagessens auf dem Schiff gibt, verzehren wir während der Busfahrt ins 30 km entfernte Peterhof. Zar Peter I. erbaute direkt am Finnischen Meerbusen ein 'russisches Versailles'. So entstanden Paläste und Gartenanlagen, die durch einzigartige Wasserspiele beeindrucken. Mehr als 150 Fontänen und Kaskaden werden durch ein ausgeklügeltes unterirdisches Rohrsystem gespeist und funktionieren ausschließlich durch das natürliche Gefälle. Eine kleine Blaskapelle spielt die deutsche Nationalhymne zu unserem Empfang. Menschenmassen strömen mit uns bei hochsommerlichen Temperaturen durch das Gelände. Durch seine Weitläufigkeit strahlt es dennoch Ruhe und Harmonie aus. Unter einem Schatten spendenden Sonnenschirm mit erfrischenden Getränken lassen wir den Besuch ausklingen. Um 17 Uhr verabschiedet sich die Leonid Krasin von St. Petersburg. Ein kurzes Stück trägt uns die Newa, bevor uns der riesige Ladogasee aufnimmt. In der Zeit von Dezember bis März soll er zugefroren sein. Wir sitzen am Abend lange auf Deck und sehen uns an der unendlichen Weite einer spiegelglatten Wasseroberfläche satt.


Achte auf deine Gedanken - sie sind der Anfang deiner Taten

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Mittwoch, 21. Juni
Vermutlich auch um uns die Zeit der Schifffahrt ein wenig zu vertreiben, findet heute Vormittag ein obligatorischer Übungsalarm statt. Wir müssen unsere Schwimmwesten anziehen und uns vor unseren Kabinentüren aufstellen. Ein Gang in die Rettungsboote bleibt uns gottlob erspart. Gegen Mittag erreichen wir das Dorf Mandrogi, 270 km von St. Petersburg entfernt. Es ist ein ehemaliges Fischerdorf an der Swir, heute Museum der Holzbaukunst. Etwa 50 Personen leben ständig hier, produzieren Kunsthandwerk und leben vom Verkauf ihrer Erzeugnisse. Die Zahl der Mücken überragt sie um ein vielfaches und setzt uns gewaltig zu. Trotzdem ist der Bummel durch die Häuserreihen und der Besuch der Stuben und Gemächer recht anregend. Nur die 'Schaschlik-Party', das Mittagessen in einem großen Pavillonzelt, ist sehr touristisch, wenngleich es uns durchaus mundet. Die bestellte Cola wurde vom dienstbeflissenen Kellner wohl vorher kräftig geschüttelt und führt zu einer überwiegend 'äußerlichen Anwendung' bei Hans. Wir haben noch genügend Zeit zur freien Verfügung. Rosi geht im eiskalten Wasser schwimmen.


Um 16 Uhr verlassen wir den beschaulichen Ort, den übrigens Präsident Putin auch gerne besucht. Auch die hochrangigen Teilnehmer des G8-Gipfels im Juli diesen Jahres werden im Rahmen ihres Freizeitprogramms hierher kommen. Die Swir trägt uns in den Onegasee in der Republik Karelien. Die weitgehend unberührte Wasserlandschaft erstreckt sich über eine Fläche von 9.616 km² und ist damit etwa 18 mal so groß wie der Bodensee. Die Fahrt durch die Nacht wird uns morgen Früh zum nördlichsten Punkt unserer Reise bringen, der Museumsinsel Kishi.


Putzt der Hahn sein Federkleid, ist's bis Kishi nicht mehr weit

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Donnerstag, 22. Juni
Von Mandrogi bis Kishi, wo wir um 8 Uhr eintreffen, hat die Leonid Krasin 276 km zurückgelegt. In einer endlosen Pilgerschar gehen wir den kurzen Weg vom Anlegesteg zum Freilichtmuseum. Es wird überragt und dominiert von der Christi-Verklärungskirche. Sie ist komplett aus Holz ohne Zuhilfenahme von Eisennägeln aufgebaut und steht auf der Unesco Liste der zu rettenden und zu erhaltenden internationalen Kulturschätze. Silbrig glänzen die Espenschindeln ihrer 22 Zwiebeltürmchen im Sonnenlicht. Der Glöckner der 'Erzengel-Michael-Kapelle' spielt ein eindrucksvolles und langes Glockenspiel. Nebenan besuchen wir ohne Hektik die 2 großen Bauernhäuser der Familien Oshenvnev und Elisarov. Die Ausstattung und Einrichtung informiert anschaulich über das Leben und die Traditionen seiner ehemaligen Bewohner. Die Bäderkultur drückt sich in der direkt am Seeufer gelegenen Banja aus. Sie war ein beliebter Treffpunkt und Ort der Kommunikation. Allmählich werden Hans und ich des Schauens müde. Wir trennen uns von den Anderen und kehren an Bord zurück. Unsere Frauen, sowie Elfriede und Sepp werden bei ihrer Rückkehr von der Vielzahl der wartenden Schiffe überfordert und landen prompt auf einem falschen Kreuzfahrer.


Die Leonid Krasin hat mittags wieder abgelegt. Nach dem Mittagessen empfängt uns der Kapitän auf der Brücke und erläutert uns die Bordtechnik. Frau Ludmila fungiert als Dolmetscherin. Elfriede, Sepp und ich werden Gründungsmitglieder des vielstimmigen 'Großen Krasin Chors'. Mit viel Enthusiasmus lernen wir russische Volkslieder wie 'Wetschernij zwon' (das Abendglockengeläute), 'Padmaskownyje wetschera' (Moskauer Abende) und natürlich 'Kalinka'. Eine von meinen Sangeskünsten offensichtlich begeisterte Dame empfiehlt mir gar, in der Düsseldorfer Fußgängerzone aufzutreten!

Das Glück ist immer vorhanden, man muss es nur ergreifen

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Freitag, 23. Juni
Während der Nacht sind wir vom Onegasee die Scheksna aufwärts gefahren. Danach folgt die Durchquerung des Weißen Sees. Von hier nutzen wir die Kowtscha. Diese Wasserstraßen sind Teil des Wolga-Ostsee-Kanals. Ein bedrückendes Monument des radikalen Ausbaus dieser Wasserstraße, verbunden mit deutlichen Anhebungen des Wasserspiegels, ist eine versunkene Kirche. 7 Schleusen regulieren den Wasserstand und verlängern die Fahrzeit. Beim Dorf Rubesch erreichen wir eine Wasserscheide. Das bedeutet, dass wir ab hier plötzlich flussabwärts unterwegs sind. Elfriede, Sepp und ich vertreiben die freie Zeit mit weiteren gesanglichen Übungen. Nach dem Mittagessen erreichen wir gegen 14 Uhr den kleinen Ort Goritzy, 375 km von Kishi entfernt. Bereit stehende Busse bringen uns ins 7 km südöstlich entfernte Kirillow. Es ist berühmt für sein Kirillo-Beloserskij-Kloster, das bereits 1397 gegründet wurde. Es entwickelte sich über die Jahre und wurde im 16. Jahrhundert zum feudalen und kulturellen Zentrum des Gebietes. Gleichzeitig wurde es zum Walfahrtsort, als 1529 hier die Gebete von Zar Wassili III. um ein Kind erhört wurden. 1530 wurde ein Sohn, der spätere Iwan der Schreckliche, geboren. Die weitläufige Klosteranlage regt zum Spazieren an. Die Ikonen-Ausstellung im Museum wird von Hans und mir verweigert, Elfriede und Sepp geben nach dem Obergeschoß auf, nur Gitti und Rosi stehen sie bis zum bitteren Ende durch. In einer kleinen Kapelle singt ein Trio von Patres eindrucksvoll geistliche wie folkloristische Lieder. Um 17 Uhr legen wir wieder ab und nehmen Kurs auf Uglitsch. Wir haben eine Strecke von 371 km vor uns.


Wer die Sonne im Herzen trägt, dem lacht sie auch

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Samstag, 24. Juni
Nach dem Frühstück ist Generalprobe für unseren großen Gesangsauftritt heute Abend. Die Nervosität hält sich noch in Grenzen und wir haben viel Spaß.
Wir erreichen den Uglitscher Stausee. Markantes Symbol der Wasserregulierung ist der Kirchturm von Kaljasin der wie ein Finger mahnend aus dem Wasser ragt. Gegen 11 Uhr kommt unser Schiff in Uglitsch an. Den Weg von der Anlegestelle zum Uglitscher Kreml ist gesäumt von Souvenirständen. Es geht zu wie auf einem großen Jahrmarkt. Traurige Bekanntheit erlangte Uglitsch durch den bis heute ungeklärten Tod des Thronfolgers Dimitri am 15. Mai 1591. Regent Boris Godunow soll ihn ermorden haben lassen, um selbst Zar zu werden. Zum Gedenken wurde die Dimitri-Blut-Kirche errichtet. Ihre Fresken erzählen die Geschichte des Zarensohnes. Direkt nebenan besuchen wir die große Christi-Verklärungs-Kathedrale. Das Gotteshaus entstand 1485 als Teil des fürstlichen Palastensembles. Bemerkenswert der vergoldete Ikonostas im Innern. Wir haben das Glück, einer stimmgewaltigen Darbietung eines Gesangsquartetts zuzuhören. Ich kaufe im Anschluss eine CD um sie als teilweise musikalische Untermalung meines Films zu verwenden. Die lokale Fremdenführerin überzeugt und beeindruckt uns durch ihre Fachkenntnisse. Vor dem Ablegen laufen wir noch durch den Ort, der auch für seine alten, kleinen Holzhäuser berühmt ist.


Heute Abend geben wir als der 'Große Krasin Chor' unser Konzert im Rahmen einer Abendveranstaltung. Wir sind weit entfernt von der Klasse der Virtuosen in der Christi-Verklärungs-Kathedrale, aber mit viel Spaß bei der Sache. Davor gab es heute das 'Kapitänsdinner'. Als 'Highlight' wird jeder Gast vom Kapitän per Handschlag begrüßt und zusammen mit ihm auf einem Foto abgelichtet. Nach seinem kurzen Toast gibt es gratis (!) ein Glas Wodka und Kaviar als Vorspeise. Das war's dann aber auch. Der Rest des Essens ist von der gleichen einfachen Zusammenstellung wie immer. Die wenigen Gäste in Abendgarderobe sind nach unserer Einschätzung völlig overdressed.


Reisen bedeutet auch die Änderung der eigenen Mentalität und nicht nur des Klimas

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Sonntag, 25. Juni
Heute Nachmittag werden wir nach einer Distanz von 266 km Moskau erreichen. Das Leben an Bord ist geprägt von Gelassenheit und Müßiggang. Wir sind inzwischen auf der Wolga unterwegs. Am Ufer beobachten wir viele russische Ausflügler, die hier ihre Sonntagsruhe genießen. Noch einmal 7 Schleusen sind zu passieren. Es begleiten uns immer mehr stattliche Segeljachten und Motorboote. Wir erreichen um 15 Uhr die 10-Millionen-Metropole und Hauptstadt Russlands. 8 Busse warten bereits auf uns und zeigen uns im Rahmen einer Stadtrundfahrt die ersten Sehenswürdigkeiten. Wir werden begleitet von Svetlana, einer Frau, die beim Reden nie Luft holt. Auf Hans Frage, wann sie eigentlich atme, erklärt sie "nur in der Frühe, wenn ich zur Arbeit fahre". Auf dem Roten Platz steigen wir aus. Markant erheben sich die farbigen 9 Kuppeln der Basiliuskathedrale in den Himmel. Sie war im Auftrag von Iwan dem Schrecklichen errichtet und 1561 fertig gestellt worden. Gegenüber dem Kreml befindet sich das imposante 'Staatliche Universalkaufhaus' GUM. Es wurde 1888 bis 1893 im Auftrag des Zaren im neorussischen Stil erbaut und gehört heute zu den größten Kaufhäusern der Welt. Auf 3 Etagen unter einer großen Glaskuppel beherbergt es mit einer Verkaufsfläche von rund 30.000 m² etwa 200 Luxusläden.


Per Bus erreichen wir 'Novodevishij Monastyr', das Neujungfrauenkloster. Zar Vasilij III. gründete es 1524. Zariza Irina war 1598 die erste prominente Bewohnerin. Mit seinen weißen Mauern, roten Fassaden und goldenen Kuppeln liegt es malerisch an einem kleinen See. Den Abschluss der heutigen Stadtrundfahrt bildet ein Besuch der Lomonosov Universität auf den Sperlingsbergen mit einem schönen Panorama über die Millionenstadt. Der 1953 im Zuckerbäckerstil errichtete gewaltige Komplex verfügt über 45.000 Räume und beherbergt etwa 40.000 Studenten. Die Universität selbst wurde 1755 durch Erlass von Zarin Elisabeth auf Initiative des berühmten Gelehrten Michail W. Lomonossow (1711-1765) gegründet.


Nach dem Abendessen auf dem Schiff fahren wir noch einmal per Metro ins Zentrum. Die kyrillischen Schriftzeichen sind uns nicht mehr so fremd, so dass wir uns auch das Umsteigen zwischen verschiedenen Linien zutrauen. Ähnlich wie in St. Petersburg sind einige Stationen wie prunkvolle Paläste. Wir besichtigen 2 davon. Bei Dunkelheit flanieren wir über den Roten Platz, vorbei am illuminierten GUM. Am Grab des unbekannten Soldaten brennt das Ewige Feuer. Der Brunnen mit den Pferdeskulpturen vor der Manege, einer großen Ausstellungshalle für Kunstgalerien und Messen, ist romantisch erleuchtet. Leider beginnt es zu regnen. Das Restaurant, wo wir Unterschlupf suchen, schließt gerade. Also kehren wir per U-Bahn zur Leonid Krasin zurück. Hans freut sich schon auf ein feuriges Schaschlik an einer Imbissbude nahe beim Schiff. Als wir sie erreichen, hat auch sie ihren Betrieb bereits eingestellt.


Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist

(Spruch des Tages aus dem Bordprogramm für heute)

Montag, 26. Juni
Um 9 Uhr beginnt die heutige halbtägige ausführliche Führung durch den Kreml, das Machtzentrum wie auch Herz und Seele Russlands. Im 12. Jahrhundert als Festung gebaut ist er der älteste Teil Moskaus. Von der Zarenburg über den Verwaltungssitz der Sowjetunion bis zur Residenz des Präsidenten heute symbolisierte er die Macht Russlands. Bis zu 6 m dicke Mauern aus rotem Backstein umgeben Paläste und Kathedralen, das Regierungsgebäude und einen gigantischen Sitzungssaal. Wir besichtigen einen kleinen Teil und sind bis Mittag erschlagen von der Vielfalt. Weil wir in der Stadt bleiben wollten, haben wir Lunchpakete von Bord mitgenommen, die wir jetzt verzehren. Wieder setzt Regen ein, diesmal äußerst heftig: binnen weniger Minuten steht das Wasser zentimeterhoch auf den Straßen. Die Menschen laufen teilweise barfuß, um ihre Schuhe zu schonen. Wir haben gerade noch rechtzeitig Unterschlupf an einem Imbissstand gefunden. So schnell wie er gekommen ist, verzieht sich der Schauer wieder. Wir gehen zu Fuß zur Christ-Erlöser-Kathedrale. Es ist der größte russischorthodoxe Kirchenbau der Welt. Seine Bauzeit betrug mehr als 70 Jahre. Hans und Sepp dürfen wegen zu kurzer Hosenbeine nicht ins Innere und müssen draußen aus uns warten.


Im warmen Licht der tiefer stehenden Nachmittagssonne wandern wir weiter zum Arbat. Dieser Stadtteil ist bekannt für seine Fußgängerzone, die von Künstlern, Malern und Musikern bevölkern wird. Auf der geschäftigen Einkaufsmeile finden wir viel Kitsch, Antiquitäten und alle Arten von Souvenirs. Ein Straßencafe lädt uns zum Verweilen ein und nimmt uns vergleichsweise viel Geld dafür ab. Als wir auf das Schiff zurückkommen, erwartet Elfriede und Sepp eine böse Überraschung. Ihre Toilette war defekt und wurde ausgebaut. Weil offensichtlich benötigte Ersatzteile fehlen, hat man die Arbeit wieder eingestellt und das völlige Chaos hinterlassen. Auf ihre Beschwerde hin erhalten sie eine neue Kabine und dürfen für die letzte Nacht noch einmal umziehen.


Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen,
mit der gewöhnlichen Eile nicht auszumessen.
Es hat einen besonderen Charakter -
an Russland kann man nur glauben.

(Fjodor Tjutschew)

Dienstag, 27. Juni
Eine schöne Reise neigt sich dem Ende. Sie war sehr informativ und hat uns russische Kultur wie auch russische Seele näher gebracht. Der Aufenthalt an Bord war beschaulich und gab uns genügend Zeit, die eigene Seele baumeln zu lassen. Das Schiff selbst genügt nur einfachen Ansprüchen. Letztendlich kamen wir aber gut damit zurecht. Bereits um 7 Uhr werden wir zum Flughafen gebracht. Dort haben wir genügend Zeit bis zu unserem Abflug um 10:35 Uhr zurück nach München.


© copyright Otto Kinateder