BALTIKUM
Litauen, Lettland und Estland


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Juni/Juli 2016

Trekkingschuhe

(2. Juni – 244 km)
„Wo sind die Trekkingschuhe?“
„Da, wo sie immer stehen!“
„Da sind sie nicht!“
„Mach doch die Augen auf!“
Letztlich befanden sie sich im Kofferraum von Günthers Auto, wo wir sie kürzlich anlässlich eines gemeinsamen Urlaubs im Elsass deponiert hatten. Und Günthers Auto stand in Weiden. Mist! Da sie einen essentiellen Ausrüstungsbestandteil für die anstehende Rundreise durch die 3 baltischen Länder darstellen, sind wir 1 Tag früher aufgebrochen und verbringen die erste Reisenacht außerplanmäßig in der Oberpfalz. Davor haben wir noch einen Zwischenstopp bei Eva, Mattias und den Enkelkindern in Freising eingelegt.


Birne Helene

(3. Juni – 435 km)
Mit unseren Trekkingschuhen verabschieden wir uns von Toni und Günther. Der Himmel weint herzzerreißend. Aber schon mittags in Osterfeld, südlich von Leipzig ist die Straße trocken. Und bei Halle strahlt Tante Klara mit uns beiden um die Wette. Beim berühmten Birnbaum in Ribbeck spendiert das Café Theodor im ehemaligen Kindergarten eine „Birne Helene“. Und weil‘s uns hier so gefällt, wird der Parkplatz nahe dem Schloss unser Nachtlager.


Holperstrecke

(4. Juni – 281 km)
Ribbeck: Goldgelbe Sonne. Blauer Himmel. Schattige Allee. Rote Mohnfelder. Vor unseren geistigen Augen das Baltikum. Und unter unseren Rädern ein unglaublich buckliger Asphalt. Das Navi korrigiert die Ankunftszeit in Travemünde laufend nach oben. Die Straßen im Land der Ordensritter sollen ja übel sein. Ist das jetzt die vorbereitende Härteprüfung? Das Womo und wir halten durch. Nach bestandenem Test geht’s dann nach etwa 20 km doch zügig weiter. Travemünde 30° im Schatten. Wir stehen in der Warteschlange am Skandinavienkai – ohne Schatten! „Leinen los!“ endlich um 17 Uhr. Zum Abendessen vor dem Bordrestaurant erneuter Stau. Aber wir haben Urlaub, sind nicht auf der Flucht und sehen die Dinge positiv. Die Reise hat endgültig begonnen.


Schlangen

(5. Juni – 44 km)
Zum Frühstück Schlange vor dem Restaurant. Vormittags leichte Dünung. Mittags keine Schlange. Rosi bricht das Essen ab und legt sich hin. Otto surft (nicht säuft) in der Barlounge. Die Seefahrt zieht sich. Um 17 Uhr: „Land voraus“. Hier ist es 18 Uhr. Schlange beim Ausschiffen. Endlich da! Das Navi lotst uns aus der Stadt. Die Landschaft ist landwirtschaftlich geprägt. Nicht besonders attraktiv. Wie Dänemark im Landesinneren. Die Empfehlung unseres Führers ist ein Parkplatz am Ostseestrand nördlich von Jūrkalne. Ein Traum! 2 Caravan Gespanne sind unseren Spuren gefolgt und planen ihre Übernachtung am gleichen Ort. Der Strandspaziergang ist kühl, trotz der Sonne. Die will gar nicht schlafen gehen. Erst nach 22 Uhr versinkt sie im Meer.


Sprachkurs

(6. Juni – 199 km)
Die Nacht war frostig. Otto macht um 5 Uhr sogar die Heizung an. Frühstück gibt´s später in der Sonne trotzdem draußen. Es ist gar nicht mehr so kalt. Wir brechen in südlicher Richtung auf. Von der P111 können wir Strand und Meer nicht sehen. Deshalb biegen wir bei der ersten Möglichkeit rechts auf eine Schotterpiste ab. Reines Wellblech! Mist. Bereits nach 200 m haben wir genug und wenden. In Saraiķi holt uns der Holper-Belag wieder ein. 10 km lang werden Womo samt Inhalt malträtiert. Dann erreichen wir das versunkene Fort aus der Zarenzeit in Karosta. Vor mehr als 100 Jahren war es aufgegeben worden. Seitdem nagt der Zahn der Zeit, bzw. die stürmische Ostsee daran. Wir klettern in den Ruinen umher, bis uns der kräftige Wind durchgefroren hat. Die Sonne am wolkenlosen Himmel kommt nicht gegen die kühle Brise an. Die lange Mole des ehemaligen russischen Militärhafens etwas weiter südlich ist nicht sehenswert. Die Svētā Nikolaja baznīca im tristen Wohngebiet – sozialistische Platte lässt grüßen – dagegen sehr. Im Zentrum von Liepāja parken wir am Rozu laukums (Rosenplatz). Beim Mittag­essen gibt die junge Bedienung einen ersten Sprachkurs. Danke heißt „ačiū“, guten Tag „laba diena“, bitte „prašom“. Die Tourist Info stattet uns mit einem Stadtplan aus. Derart gerüstet begeben wir uns auf die Rundweg-Empfehlung „nach Noten“. Die alten Holzhäuser sind hübsch, das „größte Schlagzeug der Welt“ eine Enttäuschung. Dafür entschädigt dort ein leckerer Cappuccino, von der Barista perfekt in Handarbeit dekoriert. Das Viertel rund um den Schwanenteich zeugt von der ruhmreichen Kurgeschichte. Die breite Prachtstraße „Kūrmājas prospekts“ flanieren wir zurück über die Bernsteinuhr zur Dreifaltigkeits­kirche. Voller schöner Eindrücke verlassen wir die Stadt und bald darauf das Land als wir nach 50 km unspektakulär die litauische Grenze passieren. In Klaipėda setzen wir mit der Fähre auf die „Kuršių nerija“, die kurische Nehrung über. Der Preis erscheint uns mit 30 € recht happig. Beim Verlassen rammt ein forsches russisches SUV unseren Seitenspiegel ohne anzuhalten. Zum Glück stellen wir keine Beschädigung fest. Die abendliche Sonne und der feine Sand laden zu einem langen Spaziergang ein. Erstaunt nehmen wir die vielen toten Maikäfer zur Kenntnis. Unser Nachtlager schlagen wir gemeinsam mit Zugvögeln aus Bremen auf dem Parkplatz vor dem Delfinarium auf. Nach Sonnenuntergang ist es erneut frostig kalt.


Räucherfisch

(7. Juni – 54 km)
Das Bremer Womo ist morgens verschwunden. Wir haben nichts gehört. Ohne Frühstück verlassen wir den Parkplatz, um es am attraktiven Strand nachzuholen, wo wir gestern Abend spazieren waren. Im kompletten Naturschutzgebiet kurische Nehrung besteht nämlich ein Übernachtungsverbot außerhalb ausgewiesener Zonen, das wir pflichtgemäß respektieren. 20 € „Eintrittsgeld“ nimmt man uns ab, dann erreichen wir Juodkrantė. Das Fischerdorf hat sich fein herausgeputzt, die Promenade ist sehr gepflegt. Bei einem der vielen „rūkyta žuvis“-Schilder können wir nicht widerstehen und kaufen geräucherten Butterfisch. Günstig und super lecker! Die Wanderung über den Hexenberg (Raganų Kalnas), vorbei an großen und kleinen Holzskulpturen, ist kurzweilig. Am südlichen Ende der Nehrung, direkt an der russischen Grenze, in Nida ist der einzige Campingplatz. Für 2 Nächte löhnen wir 49 €. Die Parzellen sind recht klein und schattig. Zum Glück sind nur wenig Gäste da, sodass wir trotzdem gemütlich unterkommen. Wir schnappen uns auch gleich eine herumstehende Picknick-Bank. Mit den Rädern begeben wir uns auf eine erste Erkundungstour. Sandstrand – russischer Grenzübergang – Stopp! Anschließend liefert die Tourist Info Wissenswertes und das Hafencafé Notwendiges. Wir ratschen gemütlich mit den Camper-Nachbarn und spazieren abends hoch zur Großen Düne. Sie zählt zu den größten Europas. Leider darf man nicht auf ihr herum trampeln – irgendwie verständlich und trotzdem schade.


Ausgestorben

(8. Juni – 0 km)
Die Sonne kämpft heute mit den Wolken. Aber die Temperaturen sind milder geworden. Oder wir haben uns an das Klima gewöhnt. Gefrühstückt wird – logisch – draußen. Bevor wir mit unseren Rädern aufbrechen, verabschieden wir die Nachbarn aus Eichstätt bzw. Esslingen. Sie reisen heute ab. Am Nordende von Nida steht auf einer Anhöhe Thomas Manns Sommervilla. Er hat sich einen attraktiven Ort ausgesucht, der viele Besucher anzieht. Der geteerte Radweg führt danach durch Kiefernwald, ohne Aussicht auf die Umgebung. Erst im Fischerdorf Preila haben wir wieder Blickkontakt zum kurischen Haff. Ein verschlafener Flecken. 300 Menschen sollen hier leben. 299 scheinen ausgeflogen zu sein. Die Häuser und Gärten sind top gepflegt. Ohne Pause strampeln wir weiter nach Pervalka. Ähnlich ausgestorben. Im einzigen Restaurant werden wir freundlich bedient. Der Fisch schmeckt sehr gut (Rosi) bzw. ok (Otto). Retour geht´s die gleiche Strecke, mal mit Jacke, mal ohne – je nach Bewölkung. Zurück in Nida kaufen wir Lebensmittel. Danach ab ins Hafencafé. Gerade als wir aufbrechen, jagt uns ein Regenguss zusammen mit einer norddeutsch-holländischen Busgruppe unter ein schützendes Vordach. So schnell wie er gekommen ist, ist der Spuk wieder vorbei und Minuten später lacht die Sonne vom blauen Himmel.


Ahornblatt

(9. Juni – 110 km)
Blauer Himmel. Aufbruch. Da es auf der Nehrung in Nord-Süd-Richtung nur 1 Verbindung gibt, erleben wir auf den knapp 50 km zurück eine Wiederholung der Anreise in umgekehrter Reihenfolge. Allerdings müssen wir diesmal keine Nationalpark-Gebühr mehr entrichten. Und auch die Fähre nach Klaipėda ist in dieser Richtung kostenlos. Wir parken nahe der Alten Burg am Hafen. Zu Fuß folgen wir der Empfehlung des Stadtplans. Der Theaterplatz mit der Skulptur „Taravos Anikė“ (Ännchen von Tharau) gefällt uns, ebenso wie die alten Speicherhäuser in der Nähe. Von der Stadtbefestigung auf dem Johannes-Hügel ist außer dem Wassergraben nichts erhalten geblieben. Die drittgrößte Stadt Litauens hat 2 Gesichter. Einerseits stilvoll renovierte alte Bausubstanz, daneben marode betagte oder nichtssagende neue Fassaden. Erstaunlich wenig Menschen sind unterwegs. Der Hunger kommt. Das Restaurant auf der „Meridianas“, einem ehemaligen Segelschulschiff, ignorieren wir. Wir befürchten, es könnte touristisch und teuer sein. Nur 200 m entfernt in der Žvejų gatvė finden wir unseren Geheimtipp. Das „Klevo lapas“ ist innen top gestylt, dekoriert mit einer beeindruckenden Bücherwand. Wir bleiben aber draußen in der Sonne. Das Chili con Carne wird stilvoll im kleinen Töpfchen serviert und schmeckt vorzüglich. Für 2 Essen inkl. 2 Getränke und 2 Kaffee bezahlen wir ganze 15 €! Unseren Rundgang schließen wir über die alte Burg ab, auch nur mehr ein grüner Hügel mit Wassergraben, und gelangen über das Kreuzfahrtschiffterminal zurück zum Womo. In einem Supermarkt kaufen wir vor Verlassen der Stadt Nachschub für die Speisekammer. Am späten Nachmittag erreichen wir Ventė auf der Ostseite des kurischen Haffs, direkt gegenüber der Nehrung. Hier mündet der Nemunas (die Memel) in einem breit gefächerten Delta. Der große Parkplatz vor dem „rago švyturys“ (Vogelbeobachtungszentrum) ist zwar sauber und gepflegt, aber ohne jedes Flair. Mangels Alternativen zahlen wir die geforderten 5 € für die Übernachtung. Die Landzunge wird dominiert von den modernen Gebäuden und riesigen Volieren der Ornithologen. Leider kein Platz zum Träumen. Wir sitzen vor dem Womo in der Sonne, trinken späten Kaffee, lesen, schreiben, entspannen… Den Abend schließen wir mit einem ausgedehnten einsamen Spaziergang über die Felder ab.


Nachtbesuch

(10. Juni – 178 km)
Kurz vor Kintai befriedigt ein alter deutscher Friedhof unser mortales Interesse. Für die 5 km lange Schotterpiste nach Minija am gleichnamigen Fluss benötigen wir eine halbe Stunde. Reines Waschbrett. Otto befürchtet, dass Fahrgestell und Aufbau in sämtliche Einzelteile zerbröseln. Die touristische Titulierung „Venedig unter den Delta-Dörfern“ ist jedoch reichlich übertrieben. „Mit dem Boot kamen die Kinder zur Schule, der Arzt zum Kranken und die Männer zum Krug“, schreibt ein unbekannter Dichter. Wir aber müssen die 5 km Massage-Strecke mit dem Womo zurück. Als wir in Rusnė ankommen, ist die Sonne endgültig verschwunden. Mit den Rädern umrunden wir die Halbinsel, die durch Memel-Mündungsarme vom Festland abgetrennt wird. Ein armes Land! Wieder Wellblech, zum Glück nicht lang. Kurz nach Pakalnė beginnt es leicht, in Uostadvaris dann deutlich zu regnen. Kurz vor dem Pumpwerk kehren wir um. Was tun? Unterstellen oder fahren? Wir strampeln los und kommen kurz vor dem Wolkenbruch zum Womo zurück. Wir wechseln die feuchten Klamotten und machen Mittagspause. Das nächste Ziel ist das ehemalige Außenlager des KZ Buchenwald bei Pagėgiai. Es liegt einsam und verlassen im Wald. Nur Fundamente und ein Mahnmal zeugen noch von der Massenvernichtungsmaschinerie des 3. Reichs. Dadurch ist es nicht ganz so deprimierend. Wegen des Wetters verzichten wir auf Besuch des Rambynas-Nationalparks, bleiben auf der 141 bis zum Schloss Panemunė in Pilis I, wo wir übernachten wollen. Der Parkplatz beim Anwesen aus dem 17 Jh. ist nicht sonderlich attraktiv. Rosi weiß unweit, direkt an der Memel, eine viel schönere Alternative. Während einer kurzen Besichtigung der Schlossanlage kommt die Sonne zurück. Wir beziehen das gepflegte Picknick-Areal am Nemunas-Ufer. Grill raus und Gemüse und mariniertes Schaschlik-Fleisch drauf. Es ist in große Stücke portioniert und wird lange nicht gar. Erst als wir die Happen weiter zerlegen, geht´s schneller. Am späten Abend bekommen wir Besuch. Ein Einheimischer nähert sich freundlich winkend. Wir empfangen ihn entsprechend herzlich. Er radebrecht unaufhörlich unverständliches Kauderwelsch und wird zunehmend aufdringlich. Letztlich möchte er Kaffee, Zigaretten bzw. Alkohol. Wir wimmeln ihn ab. Enttäuscht zieht er von dannen, um mitten in der Nacht sein Glück vergeblich an die Türe klopfend noch einmal zu versuchen. Rosi ist beunruhigt. Otto schläft den Schlaf des Gerechten.


Brautleutetag

(11.06. – 111 km)
Knapp 10 km weiter liegt Schloss Raudonė. Es beherbergt heute eine Schule. Sein Sekretariat, wo man Tickets für die Turmbesteigung erhält, öffnet am Wochenende erst um 10 Uhr. Also kein Treppensteigen und keine Aussicht. Weitere 10 km später erklimmen wir zusammen mit einem Reisebus den Burgberg. Seine Insassen und wir erhalten vom Pfarrer oder Küster eine spezielle Führung auf den Turm der Maria Himmelfahrt Kirche. Auch wenn wir kein Wort verstehen, ist es ein besonderes Erlebnis. Im obersten Stockwerk öffnet er die 4 kleinen Fenster. Ein herrlicher Rundblick auf das Städtchen an der Memel und die Umgebung. Im Gotteshaus intoniert die Busgruppe ein mehrstimmiges Lied. Dann brechen alle auf und lassen ein Häuflein Einheimischer zur Hl. Messe zurück. Wir bummeln durch den Ort und über den Burghügel. Es beginnt zu nieseln. Otto will unbedingt nach Bubiai. Das Kloster soll sehenswert sein. Erwähnenswert ist lediglich die Fahrt dorthin. Wegen der vielen Baustellen! Das Kloster selbst ist ein neuzeitlicher Bau, an dem wir wenden ohne anzuhalten. In Raudondvaris wollen wir in einem Supermarkt Brot besorgen. Mit einem prall gefüllten Einkaufskorb verlassen wir ihn wieder! In der Kirche ist gerade eine festliche Tauffeier, der Otto filmend beiwohnt. Am Schloss essen wir zu Mittag und besichtigen anschließend das großzügige Ensemble, das verschiedene Baustile und Erhaltungszustände aufweist. Weitere 10 km später empfängt uns Kaunas. Die zweitgrößte litauische Stadt ist im Hochzeitsfieber, trotz des leichten Regens. Brautpaare wohin man schaut. Georgs Kirche, Peter und Paul Basilika, Auferstehungskirche, Erzengel Michael Kirche. Eine Festgesellschaft geht, die nächste kommt. Am Rathausplatz ist eine große Bühne umringt von Verkaufsständen. Häppchen und Getränke werden angeboten. Zeit für einen Kaffee (und was Süßes dazu)! Frisch gestärkt gehen wir zum Perkuno namas. Das Perkūnas-Haus gehört zu den originellsten und eindrucksvollsten gotischen Bauwerken in Litauen. Am Memel-Ufer entlang, über die Vilniaus gatvė mit den vielen Cafés, Restaurants, Bars und Geschäften hinter stilvollen Fassaden weiter zum ehemaligen Präsidentenpalast am Freiheitspark. Zusammen mit diversen Hochzeitspaaren zurück und weiter zur Festung. Dazwischen Schirm auf, Schirm zu. Rosi bewahrt eine Kette aus Blechdosen, die ein Brautauto hinter sich schleppt, beim Rangieren vor einer Karambolage und erntet begeisterten Applaus der Hochzeitsgäste. Nach dieser guten Tat verlassen wir Kaunas mit Ziel Rumšiškės und dem dortigen Freilichtmuseum. Wir haben 2 Stellplatzoptionen auserkoren: den Parkplatz vor dem Museum oder die Gaststätte Ilanka. An Erstem erklärt man uns, dass Zweites geschlossen sei. Also zahlen wir 6 € „Nachtgeld“ am Museumsparkplatz. Es hat aufgehört zu regnen. Erste zartblaue Lücken zeigen sich.


Stromlos

(12. Juni – 61 km)
Die Sonne ist zurück. Das Rumšiškės Museumsgelände beherbergt auf einer Fläche von 195 ha mehr als 180 alte Gebäude, geordnet nach den Landesteilen Aukstaitija, Zemaitija, Dzukija und Suvalkija. Sie sind harmonisch in die Natur integriert, die Gärten sehr gepflegt. In allen Häusern sitzen auskunftsbereite freundliche Mitarbeiter. Sie sprechen jedoch ausnahmslos weder englisch noch deutsch, was eine interessierte Kommunikation extrem behindert. Alleine in den beiden Restaurants, wen wundert´s, werden wir in fließendem Englisch bedient. Nach dem wirklich günstigen Kaffee am Nachmittag – 2 Tassen und 2 Gebäckstücke = 4,20 € – sind wir des Schauens müde und fah­ren nach Trakai auf den Campingplatz „Slėnis“. Wir benötigen Strom, weil der Spannungswandler seinen Geist aufgegeben hat, mit dem wir die diversen Kamera-Akkus bzw. das Notebook aufladen. Der Platz liegt wunderschön am Galvės ežero, dem Galve See. Alleine die Gebäude würden einen frischen Anstrich und die Wiese einen Schnitt vertragen. Fast nur Deutsche haben sich einquartiert. Für unser Elektro-Problem empfiehlt der Rezeptionist den „Senukai“-Markt im Ort. Wir genießen die Sonne und spazieren am Abend zu 2 tollen Stellplatz-Optionen in der Nähe, direkt am See. Wenn wir halt keine Stromversorgung benötigen würden! Bis nach Sonnenuntergang sitzen wir draußen mit einem Glas Wein. Eine Schar Mücken leistet uns Gesellschaft.


Voller Akku

(13. Juni – 0 km)
Mit den Rädern nach Trakai. 1. Ziel ist der Elektroladen. Sie haben keinen Wechselrichter, auch wenn ihr Online-Shop einen anbietet. Möglichweise erhalten wir ihn in einer großen Filiale in Vilnius. Enttäuscht starten wir die Besichtigung des kleinen Orts bei der Kirche der Erscheinung der hl. Jungfrau. Vorbei an der Alten Post wenden wir uns dem Karäer-Viertel zu. Wir sehen die alte Schule und die Kenesa, das Gebetshaus. Die Hauptattraktion ist aber sicherlich die Burg auf der Insel mitten im See. Der Gang durch die vielen Ausstellungsräume und die große Anzahl Exponate ermüden. Oder liegt das an der Hitze? In einer gemütlichen Kavina halten wir Mittagspause. Danach radeln wir mit neuem Elan den schattigen Uferweg am Galve-See. Auf einem einsamen Anlegesteg strecken wir uns in die Sonne. Idylle pur! Zeit für Kaffee. Keines der Lokale genügt unseren Ansprüchen. Notgedrungen wählen wir das letzte Restaurant am nördlichen Ortsausgang. Kuchenauswahl – Denkste! Wir nehmen die einzig verfügbare Dessert-Option – na ja. Nach dem Abendessen auf dem Campingplatz statten wir Užutrakio dvaras, dem wunderschönen weißen Schloss Užutrakis, mit unseren Rädern einen späten Besuch ab. Rotgolden leuchtet mitten im See die Burg Trakai in der tiefstehenden Sonne. Heißluftballone vollenden die Postkartenidylle. Morgen heißt es früh aufstehen. Wir wollen nach Vilnius. Die Räder werden auf dem Heckträger verstaut. Alle Akkus sind voll aufgeladen.

Telefonfrauen
(14. Juni – 34 km)
Gegen 8 Uhr verlassen wir Trakai. Vilnius, die litauische Hauptstadt, empfängt uns mit ihrem morgendlichen Berufsverkehr. Das Navi lotst uns zielsicher zum Park- und Stellplatz unterhalb der Burg. Er ist optisch kein Leckerbissen, aber absolut zentrumsnah und ideal für die Stadtbesichtigung. Gerne bezahlen wir 6 € für 24 Stunden. Die Burg oberhalb von uns lassen wir zunächst links liegen und starten mit dem Kathedralen Platz. Palast und Gotteshaus sind eng aneinandergerückt und von stattlicher Größe. Die tiefstehende Morgensonne erschwert das Fotografieren und Filmen. Vor einer belebten Bar in der Fußgängerzone lockt ein früher Cappuccino. Genüsslich beobachten wir das Treiben um uns herum, spazieren weiter zur Stadthalle und verlassen das Zentrum durch das Tor der Morgenröte. Außerhalb bröckelt der Putz gewaltig. Die Gebäude sind weit weniger renoviert. An der jüdischen Synagoge kehren wir in den Stadtkern zurück. Wir essen Pasta. Al dente kennen die hier nicht. Über das Kleine jüdische Ghetto erreichen wir die Freie Republik Užupis, eine Künstlerkolonie. Sie ist nicht alternativ attraktiv wie erwartet, sondern touristisch herausgeputzt. Der imposante Backsteinbau der St. Anna Kirche ist das letzte Highlight, bevor wir zum Womo zurückgehen, um ein wenig zu rasten. Der Parkplatz ist inzwischen komplett mit PKWs gefüllt. Der zweite Stadtrundgang führt uns zunächst hoch auf die Burg. Otto verweigert die 2 € Obolus für die Besteigung des Turms. Der Überblick über Vilnius ist auch von den kostenlosen Resten der Befestigung gegeben. Auf dem Kathedralen Platz lauscht Otto dem Soundcheck einer Band. Wir folgen der Prachtstraße Gedimino prospektas nach Westen. Gepflegte Fassaden, teure Boutiquen und weltstädtisch gekleidete Menschen. Überwiegend Frauen telefonieren während ihrer Hetze von A nach B auf dem Boulevard. Die Oper ist ein moderner Bau, diverse Theater säumen den Weg. Do Cappuccini halten uns noch mal kurz auf, dann beenden wir die zweite Runde über die belebte Pilies gatvė. Um 21 Uhr ist auf dem Kathedralen Platz das Konzert von Jamala. Die Ukrainerin gewann dieses Jahr den Eurovision Song Contest in Stockholm. Die Vorband ist nach Ottos Geschmack besser als die Hauptattraktion. Der Soundcheck von Jamala war wesentlich vielseitiger als die Abendaufführung. Als leichter Regen einsetzt, betrachten wir das als Aufforderung, nach Hause zu gehen.


Kunst im Zentrum

(15. Juni – 132 km)
Den angekündigten Regentag wollen wir für Besorgungen nutzen. 1. Ziel ist der Elektromarkt Senukai. Dort erhält Otto endlich Ersatz für seinen defekten Spannungswandler. Damit können wir Akkus und Notebook wieder unabhängig vom Stromnetz aufladen. Gleich nebenan im riesigen Rimi Markt finden wir alles, was unser Herz begehrt. Das Warenangebot ist toll, Fülle und Präsentation sehr ansprechend. Gekonnt bringt Rosi die Masse an gekauften Waren in Vorratsschränken und Kühlschrank unter. Auf zum Europos Parkas, einem Freilichtmuseum der modernen Kunst. Otto hat hohe Erwartungen und investiert gerne die 18 € für Eintritt und Parken. Das 1. Exponat ist eine völlig verwahrloste Inszenierung uralter Fernsehgeräte. Aha! Der handgezeichnete Lageplan ist keine Hilfe, eine Beschilderung in dem weitläufigen Waldgelände nicht vorhanden. Nach kurzer Zeit haben wir uns hilflos verlaufen. Dazu Mücken! Die Stimmung nähert sich dem Nullpunkt. Als wir endlich das Restaurantgebäude am nördlichen Ende finden, setzt zu guter Letzt Regen ein. Lustlos lichten wir einige Exponate ab und verlassen das „Museum“ auf dem direkten Weg. Nur wenige km weiter nördlich befindet sich ein geographischer Mittelpunkt Europas. Mehrere Orte beanspruchen den Titel für sich. Bei der Ermittlung handelt es sich eher um Kuriositäten von touristischer Relevanz als um ernsthafte Wissenschaft. Dennoch hat das Institut Géographique National Frankreichs 1989 den geographischen Mittelpunkt Europas als Flächenschwerpunkt errechnet und eine Stelle beim Dorf Purnuškės ermittelt. Im menschenleeren Informationszentrum stellt eine einsame „arbeitslose“ Mitarbeiterin Otto dienstbeflissen ein Zertifikat aus, das bestätigt, dass er heute hier war. In Labanoras ist Kaffeepause. Die alten Holzhäuser sind vom Zahn der Zeit angenagt. Trotzdem ist die Umgebung sauber und gepflegt. Bemerkenswert ist alte Holzkirche. Sie ist leider verschlossen. Bis Palūšė sind es noch etwa 25 km. In der Tourist Info erhalten wir umfangreiches Material für die morgige Tour durch den Aukštaitija Nationalpark. Direkt am Lūšiai See finden wir gemeinsam mit 4 weiteren Wohnmobilen einen wunderschönen Stellplatz. Am späten Abend machen wir einen ausgedehnten Spaziergang am See entlang und kommen noch mal gehörig ins Schwitzen.


Brottrunk

(16. Juni – 122 km)
Ein herrlicher Morgen! Nach dem Frühstück bleiben wir lange sitzen und schauen einem britischen Paar zu, wie sie perfekt einge­spielt, aber sehr aufwändig, ihr Faltkajak aufbauen. Sie wollen über mehrere Seen wandern und im Zelt übernachten. Zeitgleich brechen wir auf, natürlich zu Lande. Die alten Dörfer im Nationalpark mit ihren Holzhäusern sehen aus wie ein überdimensionales Freilichtmuseum – nur authentischer. Ein modernes Wegkreuz bei Antalksnė mit einem Hahn und einer Himmelsleiter lädt zum Verweilen ein. Die beiden Aussichtshügel Ladakalnis und Piliakalnis geben den Blick frei auf eine anmutige hügelige Wald- und Seenlandschaft. In Ginučiai besuchen wir die alte Wassermühle und essen anschließend in einem kleinen Restaurant „Bulviniai blynai“. Das sind mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelpuffer, in heißem Fett gebacken. Dazu trinken wir selbstgemachtes Kvass, ein fruchtiger alkoholfreier Brottrunk. In Stripeikiai tauschen wir uns mit einem Dorfbewohner aus, der sogar relativ gut deutsch spricht. Am Ende des Dorf-Spaziergangs beginnt es zu regnen. Die Sandstraße durch den Wald mutiert zu einer Matsch-Piste. Als wir wieder Asphalt unter den Rädern haben, treffen wir an einer Bushaltestelle unsere beiden Engländer. Der Buggy für den Bootsransport zwischen den Seen hat einen Platten. Die angebotene Hilfe lehnen sie dankend, vielleicht auch stolz, ab. Wir verlassen den sehenswerten Aukštaitija Nationalpark Richtung Norden. Die Straße ist in gutem Zustand. Erst in Zarasai kommt unser Vorwärtsdrang zum Erliegen. Das Verlangen nach Kaffee hat gesiegt. Mangels netter Kaffeebar machen wir ihn selber. Otto umrundet den kleinen Stadtplatz, ohne Nennenswertes zu entdecken. Gemeinsam besichtigen wir die stattliche Kirche. In der knapp 5 km westlich gelegenen Šlyninkos vandens malūnas (Šlyninkos Wassermühle) möchten wir heute zu Abend essen und auf dem Parkplatz übernachten. Es herrscht reger Betrieb. Ein Reisebus hat seine Insassen in das kleine Anwesen entleert. Gebäude und Garten sind sehr gepflegt. Der Rummel und der abschüssige Parkplatz sagen uns jedoch gar nicht zu. Wir probieren „Smetoniški blynai“ (gebackene Teigfladen mit Preiselbeeren) und trinken Gira, einen Brottrunk. Dann reisen wir weiter bis Stelmužė. Neben der 800 Jahre alten Eiche und der 350 Jahre alten Holzkirche ist ein schöner Parkplatz für heute Nacht. Die freundliche Dame in der sehenswerten Kirche wollte gerade schließen, bleibt unseretwegen aber noch. Wir bezahlen pro Person 0,50 €, für die Kamera 3 €. Dafür gibt´s aber auch ein großes Permit. Anschließend aalen wir genüsslich vor dem Womo in der Abendsonne, als laut brummend der Reisebus von vorhin in unsere Oase einbricht. Nach 15 Minuten ist der Spuk zum Glück vorbei und wir bleiben mit dem Gesang der Vögel alleine zurück.


Lettisches Intermezzo

(17. Juni – 283 km)
Latvija wir kommen! Auch wenn wir gar nicht lange bleiben werden. Gleich nach der Grenze in Daugavpils empfangen uns die Letten mit einer kilometerlangen Baustelle inklusive Schotterpiste. Anglona, beziehungsweise die berühmte Wallfahrtskirche dort, ist heute unser einziger Besichtigungspunkt. Die Fläche um das strahlend weiße Gotteshaus ist riesig, die Innenausstattung prunkvoll. Auch in die Krypta können wir runter, sowie auf den Bereich hinter dem Hochaltar hoch. Wir bleiben nicht lange, weil wir die vielen Betenden nicht unangemessen stören möchten. Parallel zur russischen Grenze verläuft unsere Route, wenn auch mit respektvollem Sicherheitsabstand. Die Straßenverhältnisse spiegeln das komplette Angebot wider. Das Programm reicht von schlaglochübersäten Holperpisten bis zu Flüsterasphalt. Es ist 24° warm, der Himmel leicht bedeckt. Gerade als wir auf dem kleinen Campingplatz Ezermalas in Alūksne ankommen, beginnt es zu regnen. Die Anlage ist bemerkenswert. Ein gepflegtes Areal mit Wasserlauf und Blumenbeeten, urige alte Saunahütte mit 1 (!) Dusche und 2 primitive Toiletten, aber jede Menge Flair. Der Hausherr begrüßt uns in gutem Deutsch. Neben uns platzieren 2 junge Allgäuer ihr betagtes Wohnmobil. Gemeinsam mit ihnen grillen wir im Picknick-Haus und tauschen angeregt Reiseerfahrungen aus. Mücken piesacken uns. Trotzdem ein sehr gemütlicher Abend.


Wegelagerer

(18. Juni – 151 km)
Beim Aufstehen scheint die Sonne. Kurz darauf ist sie verschwunden. Wir haben sehr gut und fest geschlafen. Verwundert reiben wir die Augen wegen der vielen herumliegenden Äste und Zweige. Es muss in der Nacht kräftig gestürmt haben. Wir lassen uns Zeit, leeren und füllen die diversen Tanks und verabschieden uns von den Nachbarn. Die Nebenstrecke zur estnischen Grenze und ein ganzes Stück weiter ist Schotterpiste. Einen Schlagbaum gibt es dort nicht (mehr). Aber ein großer, vom Sturm gekappter Baum liegt quer über der Straße und blockiert ein Weiterkommen. In der Wiese daneben sind Reifenspuren. Andere Fahrzeuge haben so die Sperre umfahren. Das schaffen wir auch. Der Grenzverlauf selbst ist durch einen gerodeten Streifen im Wald identifizierbar. Ein einsamer Storch schreitet ihn als Wachmann (oder -frau) ab. Estland wirkt wesentlich gepflegter als der lettische Nachbar. Die Wiesen sind sauber gemäht, die Häuser ordentlicher. Bald erreichen wir die sehr gut ausgebauten E77 und E263. Mittagsrast ist in Võru am Tamula See. Ein kurzer Bummel durch das Städtchen. Einkaufen. Weiter. Noch 70 km bis Tartu. Parken am Ufer des Emajõgi nahe beim Zentrum. Erstes Ziel: Kaffeepause in einer gemütlichen Bar. In der Tourist Info besorgen wir einen Stadtplan und folgen seiner Rundgang-Empfehlung. Vom schicken Rathausplatz mit dem Brunnen „küssende Studenten“ hoch zum Domberg. Im Park jede Menge abgebrochene Äste und Zweige. Otto muss unbedingt hoch zum „Musumägi“, um dort, gleich den verliebten Studenten, Rosi zu küssen. Über die edle und berühmte Universität kehren wir in den kleinen Stadtkern zurück. Otto will auch noch in die moderne Kaubamaja Shopping Mall und verlässt sie gleich darauf enttäuscht wieder. Für die Übernachtung folgen wir der Empfehlung unseres Reiseführers, dem Parkplatz des Tähtvere Spordipark, einem großen Freizeitgelände. Zwei andere Globetrotter erwarten uns dort bereits.


Hänsel und Gretel

(19. Juni – 165 km)
Gestern Abend mussten wir feststellen, dass der Verkehrslärm doch wahrnehmbar war, genau wie im Führer beschrieben. Letztlich hatten wir aber dennoch eine gute Nacht. Aber ausgerechnet heute, wo wir zum Peipsi-Pihkva järv fahren wollen, herrscht mieses Wetter. Der Peipussee gehört zu den größten Gewässern Europas und ist etwa 7mal so groß wie der Bodensee. Er trennt Estland von Russland und beeindruckt mit tollen Sandstränden und alten Dörfern, bewohnt von russischen Altgläubigen. Sie leben vom Fischfang und Gemüseanbau, vornehmlich Zwiebeln. Wir beginnen in Varnja, einem langgezogenen Straßendorf. Die alten Holzhäuser strahlen morbiden Charme aus. Ohne Regen wäre es noch viel eindrucksvoller! Wie Perlen an einer Schnur folgen die weiteren Ortschaften. Mittags in Mustvee ratschen wir mit anderen deutschen Touristen und treffen die Kieler Motorradfahrerin wieder, die uns gestern beim Einkaufen in Võru angesprochen hatte. Das einzige Restaurant des Städtchens, die Piraten Bar, gefällt uns nicht. Wir besorgen warmen Gemüsereis und gegrillte Hähnchenteile im Konsum und speisen im Womo. Für die Nacht haben wir an der Nordseite des Sees bei Uusküla einen Stellplatz im Visier. Als wir gegen 15 Uhr ankommen, scheint endlich die Sonne. Im dichten Kiefernwald direkt am Wasser sind zwischen den hohen Bäumen überdachte Picknick-Bänke und Feuerstellen. Gar nicht einfach, für das Womo eine passende Lücke zu finden. Mücken weisen uns ein. Ein einzelnes verwaistes Zelt und ein Bus lassen auf weitere Camper schließen. Nach dem obligatorischen Kaffee gehen wir am feinsandigen Strand spazieren. Anschließend sitzen wir lesend am Wasser. Als wir gegen 18 Uhr zum Womo zurückkommen, sind wir ganz alleine im Wald. Da hält uns auch nichts mehr. 30 km weiter auf dem großen Parkplatz beim Kloster Pühtitsa in Kuremäe stehen wir zwar auch ohne Nachbarn, fühlen uns aber trotzdem wohler, als so einsam im Tann.


Paradies

(20. Juni – 147 km)
Rosi schöpft einen Becher Wasser aus der Wunderquelle unterhalb des Klosters Kuremäe, trinkt davon und hofft auf die heiltuende Wirkung. Nebenan werden leere 5- und 10-Liter Wasserkanister zum Verkauf angeboten. So groß sind unsere Sorgen und Nöte dann doch wieder nicht. Wir spazieren den Berg hoch zum orthodoxen Nonnenkloster, das unter dem Patriarchat von Moskau steht. Vorbei am ehemaligen Krankenhaus und der Arzt-Wohnung, durch den großen Friedhof mit hunderten ähnlichen Grabkreuzen. Nonnengräber? Die Klosteranlage selbst ist ein „Paradies auf Erden“, wie Rosi feststellt. Die Gebäude sind top gepflegt, große bunte Blumenbeete zieren die Plätze dazwischen. In der festlich geschmückten Kirche ist Gottesdienst. Neben zahlreichen Klosterfrauen nehmen auch viele Laien teil. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Wir möchten nicht weiter stören und verabschieden uns von dem beeindruckenden Ort. Der Valaste Wasserfall 40 km nördlich hingegen ist eine herbe Enttäuschung. Oben ein leerer Campingplatz mit einem Hostel, dessen bessere Zeiten schon sehr lange zurückliegen. Darunter eine wegen Baufälligkeit gesperrte Aussichtsplattform. Dazwischen ein müdes Rinnsal, das den Namen Wasserfall definitiv nicht verdient, auch wenn es mehr als 30 m hinunter tröpfelt. Ein Stück weiter an der Steilküste halten wir erneut. Wir bleiben vorsorglich weg vom Rand, wo die Felsen senkrecht abfallen. Das Schloss Purtse ist der nächste Reinfall. Irgendwie passt der weiß getünchte Quader nicht in die Landschaft und ist auch noch geschlossen. In Kunde besorgen wir Lebensmittel. Graue Industriekomplexe und verfallene sozialistische Plattenbauten prägen das Bild. Wird die Ordensburg Toolse gleich die nächste Niete? Die Zufahrt auf schmalen Waldwegen gestaltet sich abenteuerlich. Die Ruine direkt an der Ostseeküste ist sehenswert. Von riesigen stählernen Bandagen gestützt trotzt das mehr als 500 Jahre alte Gemäuer Wind und Wetter. Vom Piratenschiff, das unser Führer beschreibt, fehlt jedoch jede Spur. Vielleicht gut so, das könnte recht kitschig sein. Im Gutshof Sagadi am Rand des Lahemaa Nationalparks finden wir einen schönen Besichtigungs-Abschluss für heute. Das stattliche Haupthaus mit der großen Auffahrt und der Park dahinter beeindrucken. Der Rundgang durch die Räume wird von einer schönen Mappe mit ausführlicher deutscher Beschreibung stilvoll unterstützt. Und das Ganze für nur 3 €. Mit einem Kaffee und einem halben Berliner Krapfen im Bauch verabschieden wir uns. Der Campingplatz in Võsu beherbergt neben einer ganzen Reihe Urlaubern auch reichlich Mücken. Und auch die beiden Allgäuer von vorgestern sind hier gestrandet. Wir radeln noch eine Runde, grillen und sitzen trotz der stechenden Plagegeister bis 22 Uhr draußen. Dann verlegen wir den Rest des Abends nach drinnen.


Magenknurren

(21. Juni – 0 km)
Wir haben etwas länger geschlafen und lassen uns morgens Zeit. Gegen 10:30 Uhr starten wir eine Radtour durch den Lahemaa Nationalpark. Wir umrunden die Halbinsel nördlich. Die schmale asphaltierte Straße führt ausschließlich durch Wald. Sichtkontakt zu Küste bzw. finnischem Meerbusen – Fehlanzeige! Erst nach etwa 20 km in Vergi weitet sich der Horizont. Am Hafen ist ein kleines Restaurant, wo wir uns einen Kaffee gönnen möchten. Geschlossen! Macht nichts. Eigentlich hatten wir ja vor, in dem urigen Restaurant in Altja, nur 3 km weiter, Mittagspause zu machen. Dort sitzen einige Gäste auf der Terrasse. Otto geht ins Lokal, um nach der Speisenkarte zu sehen. Er muss hören, dass es heute nichts gibt! Erst auf Drängen werden widerwillig wenigstens Getränke angeboten. Seltsames Verhalten. Nach dem Genuss von dünnem Kaffee und Mineralwasser strampeln wir weiter über Sagadi Richtung Palmse. Eine große dunkle Gewitterwolke zieht auf. Wenigstens ist die Umgebung nicht mehr ausschließlich bewaldet und damit nicht mehr so eintönig. Im Restaurant Lahemaa Kohvikann finden wir endlich eine freundliche Aufnahme. Das Essen schmeckt vorzüglich. Das ursprüngliche neue Mittags-Ziel, das Palmse Korts, nur 100 m weiter ist – wen wundert´s – geschlossen! Genauso wie das Schloss selbst, wo offensichtlich Film- oder Fotoaufnahmen stattfinden. So begnügen wir uns mit dem Schloss­park und ein paar Schnappschüssen aus der Distanz. Als wir auf dem Campingplatz zurück sind, zeigt der Tacho etwa 50 km mehr an. Wir relaxen in der Sonne. Nach dem Abendessen schwingen wir uns erneut in die Sättel, um das nahe Fischerdorf Käsmu zu erkunden. Der Ort ist unerwartet groß, sehr schick und scheint neben gepflegten Privathäusern mit großen Gärten auch eine ganze Menge Feriendomizile anzubieten. Alleine was fehlt sind Menschen. Die komplette Siedlung ist unwirklich unbelebt.


Schwarzfahrt

(22. Juni – 73 km)
Der nächtliche Regen hat die Mückenpopulation explodieren lassen. Frühstück gibt´s drinnen. Beim Entsorgen stürzen sich die Biester regelrecht auf Otto. Wir sehen zu, dass wir wegkommen. Die recht junge Rezeptionistin hat ihre liebe Not mit Kopfrechnen. 2 mal 16,15 müssen mit dem Taschenrechner kalkuliert werden. Als Otto ihr einen 50 € Schein plus 3 € gibt ist sie völlig überfordert. Tallinn wir kommen! Der Großteil der Strecke ist Autobahn. Wir steuern zum Pirita Caravan Park am Jachthafen. Im Rahmen der Olympiade 1980 waren hier die Segelwettbewerbe ausgetragen worden. Wir löhnen 20 € für eine asphaltierte Parkbucht. Duschen kostet 2 € extra. Aber letztlich ist der Platz ideal für die anstehende Erkundung der estnischen Hauptstadt. Ein Stadtplan und der Hinweis für die richtigen Buslinien sind gratis. Stadteinwärts fährt einer von uns beiden schwarz, weil der Busfahrer für die Bezahlung nur Münzen akzeptiert. In der Tourist Info erkundigen wir uns nach dem City Bus Angebot, nutzen es aber dann doch nicht. Wir wollen uns auf das Zentrum konzentrieren. Das Mittagessen nehmen wir in einem edlen kleinen Restaurant ein. Rosi erhält das falsche Essen, und wir dafür 10% Rabatt. Die übersichtlichen Portionen schmecken prima. Wir gehen zum Rathaus, zur Alten Apotheke, durch viele Gassen und Straßen. Eine Menge Baustellen beeinträchtigt das Vorwärtskommen wie auch das Fotografieren. Die Aussicht vom Turm der Olaikirche ist bombastisch. Es folgen das Schwarzhäupterhaus und die Burg, wo wir auch Kaffeepause machen. Tallinn ist schön und voller Menschen. Vom unterirdischen Busterminal – das muss man erst mal wissen und finden – geht´s zurück zum Jachthafen. In einem riesigen Einkaufszentrum in der Nähe besorgen wir unser Abendessen. Wir setzen uns in die Sonne und lesen. Nach einem Spaziergang über die lange Mole entdecken wir ein Womo aus Passau. Unglaublich - es handelt sich um einen Schulkameraden von Otto! Bis zum Sonnenuntergang gegen 23 Uhr sitzen wir mit Christine und Martin draußen und erzählen. Dann wird´s kühl.


Mittsommer

(23. Juni – 24 km)
Tallinn Tag zwei. Frühstück in der Sonne auf der Picknickbank. Wir haben Zeit. Rosi möchte zum Schloss Kadriorg. Die Koordinaten führen uns zum futuristischen Kumu Kunstmuseum. Was nun? Irritiert fahren wir ab und weiter nach Patarei, dem ehemaligen russischen Militärgefängnis. Das Tor ist zu, daneben ein Schild, dem wir entnehmen, dass es ab 12 Uhr öffnet. Otto fragt einen Bauarbeiter an der Mauer, ob es denn heute am Feiertag überhaupt aufmache. Der Mann spricht nur russisch und öffnet das Tor. Aha. Leider bleibt uns der eigentliche Zugang dann doch noch für 1 Stunde versperrt. Wir vertreiben uns die Zeit auf dem Freigelände des Lennusadam, des ehemaligen Wasserflugzeughafens. Endlich „dürfen“ wir ins Gefängnis. Es modert, der Putz blättert von den Wänden. Besucher sollen immer wieder russische Hinterlassenschaften als Souvenir mitnehmen. Mag sein. Wir haben aber den Eindruck, sie haben die Räumlichkeiten als Mülldeponie benutzt. In einigen Kammern stapelt sich der Unrat meterhoch. Das gleiche Bild im Krankentrakt und OP. An den Wänden antisozialistische Parolen. In den eigentlichen Zellen scheinen jeweils 16 Gefangene zusammengepfercht gewesen zu sein. Nach einer Stunde haben wir genug gesehen und verlassen den düsteren Ort. Der Parkplatz vor dem Freilichtmuseum „Rocca al Mare“ ist gleichzeitig unser Stellplatz für heute Nacht. Auf dem Museumsgelände ist heute Abend die große Mittsommerfeier. Jetzt am Nachmittag besichtigen wir zunächst die Bauernkaten aus ganz Estland. Schön, dass Menschen in traditioneller Kleidung das Ensemble beleben. In Rumšiškės hat uns dafür die Anlage der vielen Gärten besser gefallen. Gemeinsam mit unseren „Passauern“ gehen wir um 19 Uhr zum Jaanilaupäev, dem Mittsommer-Fest. Die vielen Menschen jeden Alters in ihren bunten Trachten sind eine Augenweide. Sie singen und tanzen um das Johannisfeuer. Die vielen Zuschauer werden von ihnen aufgefordert, mitzumachen. Und alle folgen, auch Rosi und Otto, der sich vergeblich hinter seiner Kamera versteckt hatte. Alle Menschen sind ausgelassen. Vor den Getränke- und Imbissbuden haben sich lange Schlangen gebildet. Eine freundliche ältere Dame hilft uns in ausgezeichneten Englisch, dass auch wir satt werden. Wir essen Schaschlik mit Kartoffeln und einem Karotten-Krautsalat. In einem Tanz-Stadel geht später in der Nacht zu estnischem Folklore-Pop die Post ab. Um 23:45 ist Schluss. Die Frau, die das Feuer entzündet hatte, wird von einem jungen Mann mit ihrer Fackel in ein Boot getragen. Dann rudert er sie aufs Meer hinaus – romantisch schön! Um 0 Uhr ist alles vorbei und wir gehen zufrieden schlafen. Der Abend war der eindeutige Höhepunkt unserer bisherigen Reise.


Eingesperrt

(24. Juni – 116 km)
Es regnet, als wir uns von Christine und Martin verabschieden. Bei ihnen geht die Schranke problemlos auf, uns verweigert sie die Ausfahrt. Vermutlich weil wir unser Ticket um Mitternacht entwertet hatten, die beiden deutlich später. Zum Glück ist jemand an der Kasse des Rocca al Mare, obwohl heute geschlossen ist, und gibt uns ein Ausfahrticket. Den ersten Halt machen wir am Kalkberg in Rummu. In dem Gelände war ein sowjetisches Gefängnis namens „Murru“, die Häftlinge mussten im angeschlossenen Tagebau schuften. Jetzt sind hier ein malerischer See und interessante Erosionsformationen. Aber der Zugang ist verbarrikadiert. War wohl nix! Also auf zur zweiten Station, dem Zisterzienser Kloster in Padise. Bei der Ankunft gießt es in Strömen. Rosi legt sich Schlafen, Otto liest. Als sich der Himmel entleert hat, stromern wir durch die Ruine. Die weitere Anlage mit dem Gutshof, jetzt Hotel, ist sehr gepflegt und sehenswert. Nur die vorchristliche Burg außerhalb sparen wir uns, nichts Spektakuläres erwartend. Haapsalu, unser heutiger Zielort, begrüßt uns trocken. Wir bummeln durch das hübsche Städtchen und genehmigen uns Kaffee, dazu eine große Waffel mit Früchten, Eis und Sahne. Leider setzt wieder Regen ein. Wir beziehen unseren Stellplatz auf dem Parkplatz auf der Landzunge am Badestrand. Die Wolkendecke lichtet sich und eröffnet noch einen wunderschön sonnigen Abend vor dem Womo am Wasser.


Badetag

(25. Juni – 132 km)
Ein heißer Sommertag erwartet uns. Noch bevor wir zum Frühstück rauskommen, sind die ersten Morgen-Schwimmer da. Haapsalu ist bei schönem Wetter gleich noch attraktiver. Wir schlendern durch die Bischofsburg, über die Promenade zum Kurhaus. Nur der Aussichtsturm innerhalb der Burg ist die Mühe mangels Aussicht nicht wert. Im voll besetzten Müüriääre kohvik widerstehen wir tapfer den Lockungen der Torten-Theke. Vormittags sind diese Kalorien tabu. Der Rimi füllt unseren Kühlschrank neu. Otto besichtigt den alten Jugendstil-Bahnhof, bevor wir aufbrechen. In Lihula glimmt noch die Asche des Mittsommer-Feuers. Auf einer Picknick-Bank machen wir Mittagspause und gehen dann durch die Grünanlage von Burg und Gutshof. Von Ersterer sind nur noch kärgliche Reste übrig. Am mächtigen und imposanten Labdgut bröckelt der Putz gewaltig. Es ist heiß. Rosi braucht dringend Erfrischung. Auf der schmalen Landzunge bei Matsalu am Keemu vaatetorn erobern wir gerade noch ein freies Plätzchen. Otto passt auf die Picknick-Decke auf, während Rosi dem Badevergnügen frönt. Trotz der Hitze will Otto nicht auf den Nachmittags-Kaffee verzichten. Wir nehmen ihn im Schatten des Häuschens am Hafenbecken. Ein junger estnischer Motorradfahrer ist willkommene Informationsquelle zu Land, Leuten, Schulsystem und mehr. Vollgetankt kommen wir 1 Minute zu spät zur Fähre in Virtsu. Vor der roten Ampel sehen wir ihr beim Ablegen zu. Wir rechnen mit einer Stunde Warten. Aber kaum hat Otto sein Buch aufgeschlagen läuft ein weiteres Schiff ein und nimmt uns in seinem dicken Bauch auf. Die Überfahrt auf die Insel Muhu dauert nur kurz. 15 km weiter erreichen wir über den Damm die große Schwester Saaremaa, wo wir in Orissaare anlanden. Ganz am Ende der Halbinsel sind ein kleiner Hafen und Andrès gemütliche Kneipe. Badegäste beleben die Idylle. Wir setzen uns auf die Terrasse, trinken ein Bier. Der folgende Barsch schmeckt ausgezeichnet. Dürfen wir auf dem Gelände übernachten? „Selbstverständlich“ antwortet der freundliche Wirt in perfektem Deutsch. Er weist aber darauf hin, dass nebenan ab 21 Uhr Disco Musik den Ort beschallen wird und wünscht uns augenzwinkernd angenehme Ruhe.


Nachtmusik

(26. Juni – 117 km)
Das war eine Nacht! Der wummernde Bass der Techno-Musik war gefühlt stündlich lauter geworden und hält ununterbrochen bis zum Morgen an. Auch noch beim „Auslaufen“ nach unserem Frühstück werden wir mit Musik verabschiedet. Rosi meint lakonisch, dass wir wohl einem Guinness-Versuch beiwohnen durften. Zumindest waren die jugendlichen Teilnehmer zu keiner Zeit aufdringlich oder ausfallend geworden. Jetzt aber nichts wie weg! Gleich nebenan befindet sich die Ordensburg Maasilinn. Mit großem Aufwand wurde ein stabiles Schutzdach über die fragilen Mauerreste der 1576 zerstörten Anlage gebaut. Wir stellen den Sinn dieser Maßnahme in Frage. Die Steinhaufen sind uns kein Foto wert. Aber die Aussicht über den Moon-Sund ist grandios. An der Nordküste hangeln wir uns entlang bis Leisi. Dort wartet ein Straßencafé auf uns. Auch die Erdbeeren vom Stand der Verkäuferin nebenan schmecken. 5 km südlich halten wir bei den Windmühlen in Angla. Wir sparen uns das Eintrittsgeld und spazieren außen am Zaun entlang. Auf der folgenden Strecke über Eikla bis Panga wechseln sich Teer und Schotter als Straßenbelag ab. Zum Glück gibt es kaum Wellblech-Passagen. Es scheint hier geregnet zu haben. Mitunter ist die Straße nass. Über die Steilklippen von Panga Pank ziehen Dunstschwaden. Nach der kurzen Mittagspause strahlen Himmel und Meer um die Wette. Wir wandern ein Stück an der steil abfallenden Abbruchkante entlang, vorsichtig über den ungesicherten Rand spähend. Otto möchte mal wieder auf einen Campingplatz. Die einfache Anlage am Karujärves See hat ihm im Internet gefallen. Auch benötigen wir Erholung von der schlaflosen Nacht. Das Wiesengelände und der sandige Badestrand sind gut frequentiert. Der Campingplatz selbst ist leer. Ein passender Flecken somit leicht zu finden. Aber zunächst ist noch Arbeit angesagt. Der Kühlschrank hat kaum noch Kühlleistung. Otto baut die Brennerdüse aus und reinigt sie. Die Mühe ist von Erfolg gekrönt. Rosi geht schwimmen und wir genießen einen beschaulichen Sommer-Nachmittag.


Mühl-Heim

(27. Juni – 134 km)
Gestern der Super-Sommer-Badetag. Und heute! Nebelschwaden ziehen über den menschenleeren Platz und treiben ihre mitgeführte Feuchtigkeit in alle Ritzen. Wir trotzen der Unbill und frühstücken draußen! Na ja, wir versuchen es zumindest, geben aber rasch auf. Nach Ent- und Versorgung starten wir Richtung Halbinsel Sörve. Den Umweg über Kuressaare nehmen wir in Kauf, um 10 km Schotterpiste zu entgehen. Wegen des anhaltend trüben Wetters wählen wir auf der Halbinsel zunächst die unattraktive, aber gut ausgebaute 77 und hoffen auf Besserung bei der Rückfahrt auf der Ostseite. Am mächtigen Leuchtturm in Sääre bläst ein frostiger Wind. Wir gehen vor bis ans Ende der kleinen Landzunge und wärmen uns anschließend bei einer Fischsuppe im Kohvik. Rosi entdeckt ein Werbeplakat eines Cafés in einer Windmühle in Ohessaare, was auf unserer weiteren Strecke liegt. Endlich reißt die Wolkendecke auf. Die Sonne blitzt auf die schöne Natur. Der steinige Strand ein Stück weiter ist übersät mit Steinmännchen. Große und kleine Kunstwerke wurden von fleißigen Händen errichtet. Da können wir nicht zurückstecken und erweitern, bzw. verbessern einige von ihnen. Als wir das Windmühlen-Café erreichen ist der Himmel nahezu wolkenlos. Kaffee und Sachertorte schmecken vorzüglich. Dann zeigt uns die stolze Besitzerin die zum Ferien-Domizil umgebaute alte Mühle. Im 1. Stock ein Aufenthaltsraum und darüber ein Schlafzimmer mit herrlicher Aussicht. Nebenan das „Badehaus“ mit moderner Dusche neben einer Kompost-Toilette und einem originellen Waschbecken aus einer alten Zinkwanne. Das Ganze ist mit Liebe zum Detail adrett und freundlich gestaltet. Ein Platz zum Wohlfühlen! Wir fragen uns jedoch, ob man in der kurzen Sommersaison von einem Objekt dieser Größe leben kann. An einem weiteren schönen Strandabschnitt halten wir erneut. Dann verabschieden wir uns von Sörve. Die Inselhauptstadt Kuressaare wartet auf uns. Das überschaubare Zentrum hat Flair. Einmal mehr versorgt uns die Tourist Info mit einem Stadtplan und einer Übersicht der Sehenswürdigkeiten. Uns gefallen besonders die Alte Feuerwehr – jetzt Restaurant – das Kurhaus und natürlich das dominante Wahrzeichen, die trutzige, bestens erhaltene Burg mit umlaufendem Wassergraben. Mit den Rädern erkunden wir noch den 4 km entfernt gelegenen Hafen als Stellplatz-Option für heute Nacht. Letztlich entscheiden wir uns aber für den großen Parkplatz neben dem schönen Freizeitgelände gleich an der Zitadelle.


Kuschelcamping

(28. Juni – 177 km)
Der Maxima Markt scheint gestern leer gekauft worden zu sein. Und heute Früh hatte noch niemand Zeit oder Lust, die Regale wieder aufzufüllen. So ist unser Gemüseeinkauf recht übersichtlich. Egal, wir fahren los. Vor 4000 Jahren schlug bei Kaali ein Meteorit ein und hinterließ einen Krater mit 100 m Durchmesser. Die kleine Ausstellung im Museum schauen wir eher lustlos an und spazieren dann um die außerirdisch geschaffene Formation. Am Boden der Senke hat sich ein kleiner See gebildet. Alles in Allem ist das Wissen, dass ein vom Himmel gefallener Brocken so ein Loch geschlagen hat, beeindruckender als der Krater selbst. Rosi findet die Vegetation darum herum viel interessanter. Sie hat schöne Lilien entdeckt. Außerirdischen Ursprungs? Auf dem Damm, der Saareema mit Muhu verbindet, halten wir bei einer Skulpturengruppe. Menschen stehen kopfüber im Wasser, nur 1 auf den Beinen. Soso. Gleich sind wir in Koguva beim Muhu Museum. Die Anlage ist schön, wir besichtigen sie jedoch nicht. Wir haben schon genügend Freilicht-Dörfer bewundert. Nach einer Runde zum Hafen und zurück wollen wir im Vanatoa Restaurant essen. Es ist schick. Auf die Frage, ob wir Lunch haben können, erhalten wir die Gegenfrage, was wir denn haben möchten. Nach der Bitte um die Speisenkarte, erklärt man uns, es gebe Fischsuppe. „Und sonst nichts?“ „Nein!“ Enttäuscht wenden wir uns erneut dem Hafen zu und essen dort im Sadamakohvik frisch geräucherten Barsch mit (deutschem) Kartoffelsalat und Grünalgen. Schmeckt prima, wenn nur die lästigen Gräten nicht wären. Vor der Abfahrt runden wir den Besuch noch am alten Hafen, jetzt Badeplatz, ab. In Liiva halten wir bei der gotischen Steinkirche. St. Katharina stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist ob ihres Alters sehenswert. Als wir uns dem Fährhafen Kuivastu nähern, kommt uns ein langer Autocorso entgegen. Das bedeutet wohl, dass wir wieder knapp zu spät kommen werden? Doch diesmal ist das Timing perfekt. Als vorletztes Fahrzeug rollen wir an Bord, ohne vorher anzuhalten. Unverzüglich legt das Schiff ab. Die kurze Überfahrt aufs Festland nach Virtsu verbringen wir am Bug und strecken die Nase bei voller Sonne in den Wind. Nach Pärnu sind es noch etwa 70 km. Mangels geeigneter Picknickplätze gibt es keine Kaffeepause. Das ist hart. Wir holen sie am Ziel am schönen Sandstrand nach. Ein Schild weist darauf hin, dass Parken nur tagsüber erlaubt ist. Mist. Also müssen wir für die Übernachtung auf den Campingplatz. Dort erwartet uns die nächste Enttäuschung. Dicht gedrängt quetscht sich Wohnmobil an Wohnmobil. Rosi will sofort wieder weg. Nur wohin? Frustriert beziehen wir eine schmale Lücke mit kümmerlichen Rasenresten. Das Areal bietet 80 bis 90 Stellplätze. Wir sehen 3 Franzosen, 1 Deutschen (uns) und mindestens 90 Finnen. Am Abend drehen wir noch eine Fahrradrunde auf dem gut frequentierten Rad-Rundweg beidseits des Pärnu. Das gute Wetter und der schöne Ort stimmen uns versöhnlich. Wir beschließen, sogar 2 Nächte hier zu bleiben.


Selbstversorgung

(29. Juni – 0 km)
Pärnu ist Estlands Sommerferienziel schlechthin. Vormittags besichtigen wir zu Fuß die schicke Altstadt. Jekaterina-, Elisa­beth- und orthodoxe Christi Verklärungskirche sind die markanten Gotteshäuser der überschaubaren Altstadt. Die herausgeputzte Rüütli Straße mit ihren kleinen Geschäften, Boutiquen und Cafés wird zum Sehen und Gesehen werden genutzt. Auch wir flanieren sie rauf und runter. Und da ist ja noch die nette kleine Konditorei, die uns einen Kaffee aufdrängt. Im Koidula Park bei der großen Statue der estnischen Lyrikerin und Dramatikerin, deren Konterfei bis zur Einführung des Euro 2010 auf dem 100-Kronen Schein prangte, rasten wir auf einer Parkbank. Das Café Kadri kohvik, eine Empfehlung unseres betagten Reiseführers, finden wir trotz mehrmaliger Suche nicht am angegebenen Platz. Veraltete Information? Vor lauter Verzweiflung ist somit mittags Selbstversorgung bei den Finnen angesagt. Am Nachmittag fah­ren wir mit den Rädern an den Badestrand und relaxen im warmen Sand. Massen von Badegästen tun es uns gleich. Durch die Breite des schönen Strands herrscht zum Glück kein unangenehmes Gedränge. Eigentlich wollte Otto am Nachhause­weg noch am alt­ehrwürdigen Kuursaal an der Strandpromenade vorbeischauen. Aber das dröge Aalen in der Sonne hat den Hunger auf Kultur genommen. Dafür wird abends gegrillt. Was für ein erholsamer schöner Tag!


Neunauge sei wachsam

(30. Juni – 184 km)
Vor der Abfahrt kaufen wir bei Selver ein. Den Versuch, die küstennähere kleine Straße zu fahren, geben wir schnell wieder auf. Auch sie bietet keinen Blick aufs Meer, ist aber Schotterpiste. Bald haben wir die Grenze nach Lettland passiert. In Salacgriva machen wir Mittagspause. Vorher haben wir die Stelle ausfindig gemacht, wo Neunaugen immer noch mit der alten Methode – mit Fischzäunen – gefangen werden. Wir sehen 2 Männern bei der Reparatur der breiten gewässerüberspannenden Holzkonstruktion zu. Die Flusslandschaft ist unglaublich schön. Als wir nachmittags in Cēsis ankommen ist der gewählte Stellplatz an der Gauja von jugendlichen Zeltlern belagert und gar nicht so schön, wie erwartet. Also auf zu Žagarkalna kempings gleich nebenan. Die Zufahrt ist eine Zumutung. Dafür liegt der einfache Platz wunderschön an der Gauja. Wir fahren zunächst aber weiter in die Stadt und parken bei Maxima. Otto besorgt in der Tourist Info oben auf der Burg Stadtplan und weiteres Material. Darauf folgt ein gemeinsamer Stadtrundgang. Das Zentrum ist wesentlich schöner als der westliche Stadtrand, durch den wir gekommen sind. Im Gelände der mächtigen Burg sind Zelte und Pavillons aufgebaut. Hier laufen die Vorbereitungen für ein Fest. Auf dem Campingplatz beratschlagen wir: wollen wir morgen Radfahren oder Wandern?


Radfahrklima

(1. Juli – 44 km)
Unglaublich! Wir werden von Regen geweckt. Das war so überhaupt nicht vorgesehen. Wir bleiben trotzig in den Federn. Kaum hat uns der Hunger dann doch aus den Betten getrieben, hört der Niederschlag auf. Wir frühstücken auf der Terrasse der Rezeption, wo große Schirme die Tische und Bänke trocken gehalten haben. Das ist jetzt Radfahrklima. Die freundliche Dame in der Tourist Info hat uns gestern den Rundweg Nr. 108 mit den Ērgļu klintis empfohlen. Der Einstieg vom Campingplatz aus gestaltet sich schwierig. Nachdem wir den steilen Anstieg nach Cēsis erfolgreich gemeistert haben, schickt uns ein Ortskundiger wieder zurück. Die Schotterpiste danach ist von einer Straßenbaumaschine frisch „gebügelt“, die Oberfläche aber dadurch unangenehm sandig weich. Wir müssen gehörig strampeln, um vorwärts zu kommen. Leider finden wir auf der ganzen Strecke keine erkennbare Markierung. Immer wieder sind wir gezwungen, zu halten um uns zu orientieren. Am Adlerfelsen, einem schönen Aussichtspunkt über die Gauja, steigen wir zu Fuß die massive Treppenkonstruktion hinunter zum Fluss. Das Erinnerungsfoto ist schnell gemacht. Eine Menge Mücken möchten mit aufs Bild! Der Weg zurück zum Campingplatz ist einfacher zu finden, aber ähnlich anstrengend zu fahren wie der 1. Teil. Es ist Mittag, als wir am Womo zurück sind. Wir testen die Camping-Duschen. Sie sind einfach aber zweckmäßig und sauber. Nach einer kleinen Stärkung wird entsorgt. Aufbruch! Der Maxima in Cēsis ist geschlossen. Hilfsbereite Männer weisen uns eine Alternative. Nach den Besorgungen lotst uns das Navi recht umständlich nach Līgatne. Hier befindet sich das älteste Industrieunternehmen des ganzen Baltikums, das heute noch tätig ist - die Papierfabrik von 1815. Der ganze Ort ist von ihr und ihren sozialen Einrichtungen der Gründerzeit geprägt. Wohnhäuser für die Arbeiter, ein Entbindungsheim, eine Schule und ein Krankenhaus zeugen von der sozialen Verantwortung der Unternehmer zu Beginn des Industriezeitalters. Weiteres markantes Merkmal sind die Kellerhöhlen im Lustūzis Felsen. Sie dienten als ideale Lagerräume und werden teilweise heute noch als solche genutzt. Das Abendessen im Restaurant „Vilhelmīnes dzirnavas“ ist günstig, reichlich und schmeckt vorzüglich. Der junge Ober spricht hervorragendes Englisch. Als Übernachtungsplatz haben wir den völlig leeren Parkplatz des Informationszentrums des Nationalparks Gauja „Naturpfade Līgatne“ gewählt.


Marterstraßen

(2. Juli – 92 km)
Die Nacht ganz alleine auf dem gepflegten Parkplatz war sehr angenehm. Wir sind zu faul, unsere Campingmöbel fürs Frühstück auszupacken und wählen stattdessen eine der vorhandenen Picknickgarnituren. Abmarsch. Die Straßen um Līgatne sind wahre Marterstrecken für Fahrzeug und Insassen. Erst die A2 Richtung Riga ist gut. Aber schon in Sigulda verlassen wir sie wieder mit Kurs auf Turaida. Wir besuchen das Museum mit der alten Bischofsburg nebst Kunstpark und altem Gutshof. Die Anlage ist sehr gepflegt und schön anzuschauen. Dass die Schautafeln auch in Deutsch gehalten sind, erleichtert das Verständnis ungemein. Überall sind Museumsmitarbeiter in historischer Kleidung. Alleine die umfangreiche Baustelle an der Burg trübt den positiven Eindruck ein wenig. Mittags reisen wir weiter in die Landeshauptstadt Riga. Die Straßen der Metropole sind erneut eine harte Prüfung. Schlaglöcher und versunkene Kanaldeckel lassen das Womo poltern, ächzen und stöhnen. Im „City Camping“ treffen wir zum wiederholten Male auf österreichische Weltenbummler. Während der Nachmittagshitze legen wir eine Ruhepause ein und brechen erst gegen 16:30 zum ersten kurzen Stadtbesuch auf. Zu Fuß gehen wir eine halbe Stunde ins belebte Zentrum. Der Rundgang führt uns vorbei an Schloss, Rathaus, Schwarzhäupterhaus, Livenplatz, Freiheitsdenkmal und Nationaltheater. In der Hitze erlahmt das Interesse. Wir essen Pizza und machen uns auf den Rückweg. Der Wetterbericht prognostiziert für morgen Starkregen. Da macht eine Stadtbesichtigung keinen Spaß. Wir überlegen, die weite Fahrt nach Šiauliai in Litauen zum berühmten Berg der Kreuze vorzuverlegen und anschließend nach Riga zurückzukehren. Die finale Entscheidung treffen wir morgen, nach dem EM-Spiel Deutschland – Italien.


Regenpause

(3. Juli – 288 km)
Kurz nach 8 Uhr setzt der angekündigte Regen ein. Also werden wir heute nicht Riga, sondern das herrschaftliche Schloss Rundāle bei Bauska und den Berg der Kreuze bei Šiauliai besuchen. 70 km lang erhält das Womo eine Rundum-Vollwäsche. Mit dem Abstellen des Motors am Schlossparkplatz hört es auf zu regnen. Die Wege im Park sind voller Pfützen und die Rosen lassen die schweren Köpfe hängen. Aber wir können die Schirme geschlossen lassen. Der Rundgang durch das prunkvolle Gebäude ist die 4 € Eintritt absolut wert. Die Räume und das Inventar stehen den bayerischen Königsschlössern in Nichts nach. Beim Verlassen von Rundāle beginnt es erneut stark zu regnen: Wagenwäsche 2. Teil. Wir genehmigen uns eine gemütliche Brotzeit und winken den Österreichern zu, die gerade angekommen sind. Die folgenden 20 km fühlen sich wie der Holperparcours einer Autoteststrecke an. Danach ist die Straße bis zur litauischen Grenze und weiter Richtung Šiauliai in hervorragendem Zustand. Es hört zu regnen auf, so dass wir auch das 2. Tagesziel trockenen Fußes in Angriff nehmen können. Der Berg der Kreuze ist ein Wallfahrtsort, wo Pilger Kreuze verbunden mit Wünschen oder zum Dank aufstellen. In der Sowjet-Ära wurden sie mehrfach vernichtet, von den Einheimischen aber immer wieder neu aufgestellt. Der Ort wurde so auch zum Symbol des nationalen Widerstands. Er ist beeindruckend! Über 2 kleine Hügel verteilt stehen, liegen und hängen tausende große und kleine, kunstvolle wie schlichte Kreuze. Die Fotomotive nehmen kein Ende. Wir lesen Inschriften von unbekannten Menschen, deren fromme wie auch ganz banale Wünsche hoffentlich in Erfüllung gegangen sind. Nach der obligatorischen Kaffeepause treten wir den Rückweg nach Riga an. Beim erneuten Check In teilt uns der Platzwart mit, er habe keine freien Plätze mehr. Nur die geschotterte Fläche im Hinterhof sei noch verfügbar. Was soll´s, wir wollen morgen in die Stadt. Im Nu ist auch dieses Areal voll belegt. Etwas später informiert er, es habe einen Reservierungsfehler gegeben, wir könnten auf die Grünfläche umziehen, was wir prompt machen. Der Niederschlag schließt uns in unsere 4 Wände ein. Lesen. schreiben, stricken, hoffen …


Orgelpfeifen

(4. Juli – 0 km)
Der Platzwart hat gestern Abend Otto erzählt, dass es auch heute noch den ganzen Tag regnen soll. Deprimierend. Was sind wir froh, als wir von der Sonne geweckt werden. Schon um 9 Uhr beginnen wir bei herrlichem Wetter unsere Riga-Tour Nr. 2. Nach der Vanšu-Brücke gehen wir geradewegs zur Elizabetes iela und Alberta iela, dem berühmten Jugendstil-Viertel. Der russische Architekt Michail Eisenstein ließ ab 1893 als Baustadtrat rund 50 Häuser mit verschwenderisch gestalteten Fassaden bauen. Heute zählt man um die 800 Jugendstil-Gebäude. Scharen von Reisegruppen bewundern mit uns die prächtigen Fassaden, hinter denen sich heute überwiegend Büros befinden. Die goldenen Kuppeln der orthodoxen Geburtskathedrale glänzen im Sonnenlicht und strahlen mit dem tiefblauen Himmel um die Wette. Auch innen ist das Gotteshaus beeindruckend. Leider besteht Fotografie-Verbot, woran wir uns halten. Am Freiheitsdenkmal ist gerade Wachablösung. Arme Kerle, die hier regungslos in der Hitze verharren müssen. Am Brunnen vor der Nationaloper ist Otto von Touristen genervt, die ihm laufend unaufmerksam vor die Linse treten. Das Okkupationsmuseum ist leider geschlossen, bzw. umgezogen. Schade, das hatten wir fest auf dem Plan gehabt. Der Dom ist versperrt, weil gerade ein Konzert stattfindet. An der Börse herrscht Hochbetrieb (touristischer) und vor den „3 Brüdern“ stauen sich die Reisegruppen. Endlich ist auch der Dom wieder zugänglich. Wir zahlen 3 € Eintritt und sind maßlos enttäuscht. Der gewaltige Innenraum entpuppt sich als schmucklose Baustelle. Die Orgel „glänzt“ durch das Fehlen sämtlicher Pfeifen. Selbst im Kreuzgang fehlt jegliche Beschaulichkeit. Wir benötigen dringend eine Stärkung. Es dauert, bis ein Lokal unseren Ansprüchen genügt. Wir wählen einen Platz in der Sonne. Gerade als wir zu Essen beginnen, geht ein Regenschauer hernieder. Wir flüchten unter eine schützende Markise und ziehen die Regenjacken über. Und gleich ist der Spuk wieder vorbei. Die berühmten Markthallen beeindrucken uns weniger. Jetzt am späten Mittag sind viele Stände und Theken leer. Eine Tüte Kirschen muss aber sein, bevor wir über Schwarzhäupterhaus und Schloss zurück zum Campingplatz gehen. Die „Compagnie der Schwarzen Häupter“ vereinigte um das Jahr 1400 junge, unverheiratete ausländische Kaufleute, die in Riga lebten, ohne das Bürgerrecht der Stadt zu besitzen. Dem Konditorei-Kiosk am Ende der Vanšu-Brücke können wir einfach nicht widerstehen. Otto erhält knapp 20 € Wechselgeld in kleinen Münzen – na toll! Am Womo fahren wir die Markise aus und strecken zufrieden die müden Beine von uns.


Berlin grüßt Bayern

(5. Juli – 114 km)
Wir lassen uns Zeit mit dem Abschied von Riga. Nach dem Duschen sitzen wir in der Sonne und lesen. Gegen 10 Uhr erwacht unser „Weiter-Trieb“. Im riesigen Rimi nahe beim Campingplatz decken wir uns mit Lebensmittelvorräten ein und verlassen die Stadt westwärts. Den beliebten Badeort Jūrmala ignorieren wir und visieren stattdessen Tukum an. Kurz vor dem Städtchen befindet sich das Schlossgut Durbes pils. Das stattliche Hauptgebäude scheint frisch renoviert, der Rest ist ziemlich verwahrlost. Das Museum bleibt unbesichtigt, wir ziehen von dannen. In Engure parken wir beim Friedhof, packen unsere Stühle nebst Kaffee und Büchern und platzieren uns in einer kuscheligen Bucht am Rigaischen Meerbusen. Was ist die Welt doch schön! Wir diskutieren über die zurückliegende Reise. Was war schön, was weniger? Unser Urteil fällt überaus positiv aus. Wo werden wir heute Nacht schlafen? Im Campingplatz Abragciems oder dem Parkplatz beim Vogelbeobachtungszentrum am Engures ezers. Da der Campingplatz geschlossen ist, fällt die Entscheidung leicht. Die Schotterpiste zum See ist übelstes Wellblech. Im Kiefernwald sind überdachte Picknickbänke und sehr wenig Platz für mobile Heime. Ein Off-Roader empfängt uns mit „Berlin grüßt Bayern“ und lässt uns an seine Seite. Abends gibt´s Gegrilltes. Danach erkunden wir mit den Rädern die Umgebung. Im Naturschutzgebiet wurden Pferde und Rinder ausgewildert. Sie grasen friedlich am Seeufer unbeeindruckt von unserer Anwesenheit. Wir klettern auf den Vogelbeobachtungsturm und freuen uns an Flora und Fauna. Der leichte Wind ist frisch, besonders, wenn Wolken sich vor die Sonne schieben. Mitunter müssen wir lange auf das ideale Licht zum Fotografieren warten.


Sperrstunde

(6. Juli – 74 km)
Zu Fuß spazieren wir noch einmal den Waldweg am Seeufer entlang zu den Wiesen, wo die wildlebenden Vierbeiner sind. Sie grasen friedlich, ruhen oder beobachten uns gelangweilt. Nach einigen Erinnerungsfotos fahren wir weiter. Kap Kolka ist der nördlichste Punkt der Halbinsel Kurland und bildet die Grenze zwischen der Ostsee und der Bucht von Riga. Im Informationsbüro am großen asphaltierten Parkplatz des Naturschutzgebiets zahlen wir die 8 € Park- und Übernachtungsgebühr und freuen uns über kostenloses WLAN. Ein Baumfriedhof am Sandstrand zeugt von wilden Winterstürmen, die hier toben. Uns zeigt sich der Wettergott von seiner besten Seite. Ostsee und Rigaer Meer sind spiegelglatt und glitzern in der Sonne. Wir gehen weit über den feinen Sand am Wasser entlang. Als wir am Abend im Restaurant essen wollen, teilen uns die beiden jungen Bedienungen schüchtern mit, dass sie gerade schließen. Na gut, wir können uns auch selbst verpflegen.


Kuhparade

(7. Juli – 97 km)
Am Livenzentrum in Mazirbe stehen wir vor verschlossener Tür. Die Häuser des kleinen Dorfes sind weit verstreut, fast wie in einer dänischen Ferienhaussiedlung. Der lange Spaziergang eröffnet uns keine wirklichen Sehenswürdigkeiten. In einem Wäldchen entdecken wir einen „Schiffsfriedhof“. Nach Kriegsende haben die russischen Besatzer hier Fischerboote seeuntüchtig gemacht. Damit sollten einerseits Fluchtwege über die Ostsee abgeschnitten, andererseits auch die Fischerei zentral kollektiviert werden. Auf jeden Fall wurde den Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Auf einem neu angelegten Rastplatz am Būšnieku ezers machen wir Mittagspause. Unsere Reifen hinterlassen als allererste Spuren im frisch geschotterten Untergrund. Es ist schön hier. Der Wind weht heftig. Als die ersten Salatblätter vom Teller geblasen werden, ziehen wir uns ins Womo zurück. Und schon sind wir in Ventspils, dem Fährhafen nach Hause. Beim Busbahnhof ist ein großer kostenloser Parkplatz. Die Stadt trägt eindrucksvollen Blumenschmuck. Und überall „weiden“ bunte Kühe in allen Farben. Die Cow Parade nahm 2002 ihren Anfang als internationales Kunstprojekt. Nahe dem Rathaus „wacht“ eine Polizei-Kuh mit Plexiglasschild und diversen Protektoren. Wie der Bulle wohl aussieht? Das Zentrum ist überschaubar, attraktiv aber auch verfallen, brüderlich nebeneinander. Mit dem „Skroderkrogs“ finden wir ein nettes, gutes und günstiges Restaurant, wo wir sowohl den nachmittäglichen Kaffee wie auch das Abendessen einnehmen. Am langen Sandstrand bläst der Wind wieder sehr ordentlich. Zum Übernachten wählen wir den Parkplatz direkt neben dem StenaLine-Fährterminal. Hier sind auch Toiletten und freies WLAN. Morgen früh ab 8 Uhr können wir einchecken.


Durchhänger

(8. Juli – 0 km)
Otto zieht eine Wartenummer in der vollen Wartehalle. Als seine Nummer endlich aufgerufen wird, benötigt die Dame auch den Kfz-Schein. Toll – der ist im Auto. Zumindest muss Otto sich nicht wieder hintenanstellen. Die vielen wartenden Fahrzeuge auf der Straße vor dem Terminal erzeugen ein ordentliches Verkehrschaos. Wir bleiben auf unserem Parkplatz und rollen mit den letzten an Bord. Auf dem Sonnendeck warten wir aufs Ablegen. Um 10:45 Uhr löst sich der eiserne Koloss von der Kaimauer. Sonnig zieht die Stadt an uns vorbei, bis wir nach der südlichen Mole das freie Meer erreichen. Wolken und Wind legen zu. Die See wird spürbar rau. Vorsorglich legt Rosi sich hin. Als wir die Passage im Januar gebucht haben, war mit Meerblick nur noch eine behindertengerechte Kabine frei gewesen. Das hat jetzt den Vorteil, dass sie deutlich größer ist, ebenso das Bad. Aber das Bett ist eine Zumutung! Matratze samt Unterbau bilden zur Mitte hin eine etwa 15 cm tiefe Kuhle. Ob auch dafür ein Meteorit verantwortlich ist?


Nachtmusik II

(9. Juli – 161 km)
Auf der Rückfahrt von Travemünde nach Süden machen wir in Soltau Station. Im Parkcafé serviert man guten Kuchen. Gitti und Helmut freuen sich über unseren Kurzbesuch. Heute ist Schützenfest. Die Musik ist auf dem Parkplatz der Therme, unserem Standort, gut zu vernehmen. Ob das wieder eine durchwachte Nacht wird?


Der Berg ruft

(10. Juli – 70 km)
Die Nacht war entspannter, als befürchtet. Wir beginnen den Tag mit einer Radtour in die Heide. Die flache Landschaft ist prima zu fahren. Nur Heide – Fehlanzeige! So düsen wir mit dem Womo nach Niederhaverbeck in der Nähe von Bispingen. Von hier wandern wir – durch herrliche Heidelandschaft – auf den Wilseder Berg. Mit knapp 170 m ist er der höchste „Berg“ der Lüneburger Heide. Wegen des schönen Wetters kommen wir sogar ins Schwitzen. Danach besuchen wir in der Nähe von Wietzendorf nette Bekannte, Hilde und Hans.


Verkehrsfunk

(11. Juli – 555 km)
Die Strecke über Braunschweig, Halle, Leipzig kennen wir gut. Wir standen hier schon manchmal im Stau. Warum sollte es heute anders sein? Nun ja es ist anders. Wir geraten von einem Stau in den nächsten. So happig war´s noch nie! Es wird immer später. Da bleibt uns nur der Notnagel Toni und Günther in Weiden. Wir könnten ja unsere Trekkingschuhe wieder in ihrem Auto deponieren. Toni ist gar nicht zu Hause. Dafür freut sich der Strohwitwer umso mehr über unseren Besuch.


Zieleinlauf

(12. Juli – 230 km)
Nach dem fürstlichen Sektfrühstück fahren wir los und kommen nach 40 Tagen Abwesenheit wohlbehalten wieder zuhause an.

© copyright Otto Kinateder